Kultur : AUFTRITT: Geliehene Klänge

KAI MÜLLER

Man hat sie wahlweise "Schamanin" oder "Maschinistin" genannt. Es besteht offenbar Unklarheit. Denn was Ulrike Haage macht, ist nicht sofort erkennbar. Sie steht über ihre Synthesizer gebeugt und schaut ab und zu auf, um sich zu vergewissern, das auf der Bühne alles seinen Gang geht. Ihr Körper verrät lauernde Erwartung. Dann fängt sie plötzlich zu hüpfen an, springt fast im Takt, wie ein kleines Kind das seine Erregung ableiten muß. Aber es sind keine Bewegungen, die in einem direkten Zusammenhang zur Musik stünden. Sie passieren ihr einfach."Ich weiß genau", sagt sie, "wann mir eine Komposition einfällt. Das ist ein bestimmter körperlicher Zustand." Ulrike Haage ist den meisten als die eine Hälfte der "Rainbirds" bekannt. Als die Frau, die das musikalische Gerüst entwirft und nicht ganz unbeteiligt daran ist, daß sich aus der Pop-Hoffnung der Anfangsjahre nach schweren Krisen ein künstlerisch ambitioniertes Projekt mit kammermusikalischen Ansätzen entwickelt hat. Unter dem Namen "Stein" ging das Rainbirds-Duo Haage und Katharina Franck bereits zuvor experimentelle Wege. Mit dem Schlagwerker der Einstürzenden Neubauten, FM Einheit, arbeiteten sie mehrfach für Theater oder Rundfunk. Und die studierte Pianistin und Musiktherapeutin Haage hat zahlreiche Bühnenmusiken komponiert. Auch für die ab heute in der Tacheles-Ruine gezeigte "Ballade vom Narayama" in der Regie von Kazuko Watanabe hat sie den Soundtrack entworfen und die musikalische Leitung übernommen. Es sind Songs und Stimmungsbilder, die sich stark an japanischen Musiktraditionen orientieren. Es habe sie gereizt, sagt Haage, diese Traditionen der Interpretation durch europäische, avantgardistische Musiker auszusetzen. Das Ensemble besteht deshalb sowohl aus den Japanern Hideki Ikegami, der die Taiko-Trommeln spielt, und Kosho Hiroyama an Flöten, Biwa und Schamisen, als auch aus der Sängerin Meret Becker, dem Gitarristen Alexander Hacke und dem Schlagzeuger Tim Lorenz, die den folkloristischen Ton allenfalls imitieren können.Wobei es nicht um Zertrümmerung, sondern um eine Annäherung an die Fremde geht. "Bislang hat man die Japaner für Imitatoren europäischer Errungenschaften gehalten. Erst langsam beginnt man sich damit zu beschäftigen, was aus diesem Land nach Europa gelangt ist, was für Menschen dort leben und welche Gewohnheiten sie haben." Haage hat sich für ihr Konzept von zwei Gesangstraditionen inspirieren lassen: oiwake, bei dem in freier Improvisation lange Melodiebögen gesponnen werden, und yagibushi, bei dem ein Text in kurzen, prägnanten Melodien vorgetragen wird. Es sei auf allen Ebenen zu einem Aufprall der Kulturen gekommen, "da sich unsere emotionale, die Diskussion gewohnte Haltung mit der wunderbaren, sehr konzentrierten, aufmerksamen, unglaublich perfekten Haltung der Japaner nicht unbedingt verträgt. Wir haben sehr viel voneinander gelernt." Ihr liegen Zusammensetzungen, die schwierig sind, und übernimmt dann den Part der beschwichtigenden Instanz, die einen Ruhepol schafft. So gelingt es ihr immer wieder, aus den unterschiedlichsten Charakteren Einheiten zu formen. "In meinen Werken", erklärt sie, spielt der Spannungsbogen von strenger Komposition und wilder Interpretation eine große Rolle. Und diese Polarität erstreckt sich auch auf meine Person. Ich kann sehr euphorisch empfinden, sowohl in die freudvolle wie schmerzhafte Richtung. Doch dem Ausbrechenwollen steht permanent der Wunsch gegenüber, zur Form zurückzufinden. Denn ich liebe die Form", beteuert sie und zeigt eine von ihr selbt notierte Partitur, die aussieht wie gedruckt.Das Aufschreiben der Musik sei eine Art der Meditation. Eine Rückversicherung, daß ihre Werke im digitalen Zeitalter nicht verschwinden. "Ich arbeite mit geliehenen Klängen, die ich aus Umweltgeräuschen, Samples und atmosphärischen Fundstücken zusammensetze. Manchmal erhält das einen Abstraktionsgrad, bei dem ich hinterher selbst nicht mehr rekonstruieren kann, woher die einzelnen Klang-Elemente stammen." Als aus der Kooperation mit FM Einheit eine experimentelle Noise-Formation hervorging, der neben Einheit und Haage der Vokalkünstler Phil Minton angehörte, war es Kazuko Watanabe, die dem Trio den Namen "Goto" verlieh - "Strauchdiebe". Und tatsächlich sei diese Bezeichnung sehr treffend gewesen, meint Haage, "weil wir uns durch die Musikwelt wie Spurensucher bewegten. Ich sehe mich als jemanden", sagt sie, "der ein tiefes Bedürfnis spürt, sich auszudrücken, und weiß, daß dieses Bedürfnis aus der Verbindung zu Traditionen lebt." So ist sie bereits mehrfach nach Marokko, in den Maghreb, gereist, weil sie sich zu den Nomaden und deren Art, sich fortzubewegen, hingezogen fühlte - "nämlich zu Fuß". Ihre großen, kugelrunden Augen leuchten, wenn sie von den Farben der Wüste erzählt und Schönheit entdeckt, wo Europäer allenfalls abweisende Kargheit wahrnehmen.Ulrike Haage ist natürlich ein romantischer Mensch, der von Projektionen lebt. Auch ihr Interesse an der indianischen oder fernöstlichen Kultur entspringt einer heimlichen Leidenschaft für das Unbeherrschte und Wilde. "Ich habe immer nach meiner Religion gesucht", sagt sie. Nach einem Zustand, der sie überwältigt.

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