Kultur : AUFTRITT

BORIS KEHRMANN

Sie hat nicht Musik studiert und spielt auch kein einziges Instrument.Ihre Mitschülerinnen auf der Nonnenschule, die in die diversen Chor- und Blockflöten-Kurse gingen, fand Eva Coutaz sogar furchtbar altmodisch.Heute ist die gelernte Buchhändlerin aus Deutschland, die ihre Muttersprache inzwischen mit französischem Akzent spricht, Produzentin eines der wichtigsten Platten-Labels für Alte Musik.

"Ich würde sagen für Musik, nicht Alte Musik.Ich sehe da keinen Unterschied", wendet sie vehement ein und weist darauf hin, daß Harmonia Mundi France auch viel Zeitgenössisches von Pierre Boulez, Luciano Berio, Karlheinz Stockhausen und anderen aufgenommen habe.Der zweifellos vorhandene Schwerpunkt Alte Musik habe sich dabei dann eher zufällig ergeben: durch die Künstler, die man getroffen und mit denen man zusammengearbeitet habe.

Zufälle, Begegnungen, Künstlerfreundschaften - das sind, so scheint es, Leitmotive in der Geschichte der auch nach 40 Betriebsjahren noch unabhängigen Firma und ihrer Produzentin.Nach der Lehre ging Eva Coutaz als Buchhändlerin nach Frankreich, wechselte dann in das Leitungsteam eines regionalen Kulturzentrums, wo sie Konzerte und Veranstaltungen organisierte und so mit dem aufstrebenden Kleinlabel für Klassik in Kontakt kam, das sie 1971 abwarb.

Bernard Coutaz, ihr späterer Mann, hatte es 1958 gegründet, und auch das scheint mehr oder weniger Zufall gewesen sein, hatte der junge Schriftsteller und Journalist doch über einen auf Literatur-Aufnahmen spezialisierten Schallplattenclub, um den er sich nebenher kümmerte, allmählich die Lust am Selber-Produzieren entdeckt.Mit einem Orgel-Zyklus, der auch heute noch exemplarisch ist, wie Eva Coutaz betont, erregte Harmonia Mundi France zum ersten Mal Aufsehen in Musikerkreisen.Hinter dem Projekt stand als Spiritus rector der Organologe Pierre Rochas, der in ganz Europa, vor allem aber in entlegenen Flecken Spaniens und Südfrankreichs original erhaltene Barock-Orgeln aufspürte und auf ihnen nicht irgendwelches, sondern das Repertoire, das für diese Instrumente geschrieben wurde, einspielen ließ.

Das war die erste wichtige Begegnung.Die zweite brachte Bernard Coutaz in der zweiten Hälfte der 60er Jahre mit Alfred Deller zusammen.Zwar hatte der englische Countertenor mit seinem Ensemble in Amerika bei Vanguard schon in den 50er Jahren Aufnahmen in der "Historical Anthology of Music"-Reihe der Bach-Guild gemacht.Auf dem europäischen Markt sei er aber als Solist praktisch nicht präsent gewesen.Mit dem und für den charismatischen Sänger, mit dem das Ehepaar bald eine enge Freundschaft verband, baute man bis zu seinem Tod 1979 einen ganzen Katalog auf und trug damit maßgeblich zur Wiederentdeckung der englischen Renaissance- und Barock-Musik bei.

Erst im nachhinein sei die immanente Logik des eigenen Vorgehens zutage getreten.Wie übrigens auch bei den anderen großen Künstlern des Labels, die eben - zufällig? - Alte Musik interpretiert hätten: bei René Clemencic, William Christie, René Jacobs, Philippe Herreweghe und den vielen anderen."Wenn man das im Rückblick verfolgt, ist das eine Folge von Begegnungen mit Künstlern, von denen man begeistert ist, mit denen man arbeiten möchte.Es war nicht so, daß man sagte: ich möchte jetzt gerne Mittelalter-Musik machen, was machen wir denn da? Es ging von der menschlichen und künstlerischen Begegnung aus, und daraus hat sich dann ein Programm entwickelt."

Die Wahl eines bestimmten Künstlers sei denn auch ihre Hauptaufgabe als Plattenproduzentin.Mit ihm werde das Repertoire besprochen, wobei auch Kriterien der Marktgängigkeit eine Rolle spielen, sagt sie.Der Rest sei Organisation bis hin zur grafischen Gestaltung der fertigen CD, der Eva Coutaz entscheidende Bedeutung beimißt.Wenn immer es gehe, versuche sie zudem bei der Aufnahme-Sitzung dabei zu sein, um den Kontakt "mit der Basis" nicht zu verlieren.

Obwohl es dem im südfranzösischen Arles beheimateten Unternehmen, das Tochtergesellschaften von der amerikanischen Westküste bis nach Moskau unterhält, gut geht, wird man auch hier die Produktion nach dem abgeflauten Gründerzeit-Boom der CD-Industrie in den 80er Jahren wieder auf ein gesundes Maß herunterschrauben.Zwei bis höchstens drei große Projekte pro herausragenden Künstler und Jahr bestimmten jetzt den Aufnahmerhythmus.

Eine neue "Cos¡¤" unter René Jacobs, Schumanns "Faust-Szenen" und eine neue "Matthäus-Passion" unter Herreweghe, deutsche Kantaten und italienische Händel-Arien mit Andreas Scholl, Telemann-Suiten mit der Akademie für Alte Musik, die in Frankreich sehr gut ankomme, und eine Händel-Platte mit Dorothea Röschmann - das sind die Projekte, die Eva Coutaz im Moment beschäftigen.

Der erstaunliche Barock-Boom der letzten Jahre sei ohnehin vorbei, und das Interesse der breiten Öffentlichkeit beschränke sich wie gewohnt auf eine Handvoll Top-Künstler, wobei vor allem auf den wichtigen amerikanischen und japanischen Märkten auffalle, wie Verkaufszahlen nach Tourneen der entsprechenden Interpreten hochschnellten.

Ins Konzert-Management will Harmonia Mundi, nachdem es 1993 mit großem Erfolg sein eigenes Vertriebssystem aufgebaut hat, darum allerdings nicht einsteigen.Man begegnet den neuen, für manche Plattenfirmen sich durchaus dramatisch darstellenden Marktgegebenheiten mit einer soliden Mischkalkulation, in der das Gängige das Speziellere in einem begrenzten Rahmen mitträgt - und die hat Eva Coutaz als Buchhändlerin ja von der Pike auf gelernt.

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