Kultur : AUFTRITT

ULRICH AMLING

Ein Foto: Der Komponist am Flügel, seine Werkstatt ein kleiner Konzertsaal, lichtdurchflutet, eine Gipsbüste Beethovens beschwert die losen Blätter eigener Werke.Und jetzt - vergessen Sie dieses Bild: Derselbe Jan Müller-Wieland, Jahrgang 66, sitzt am E-Piano in seinem kleinen Arbeitszimmer.Seine Frau Birgit hat ihm noch schnell ein weißes T-Shirt gereicht, das mit der Aufschrift "Oktoberfest München" verschwindet aus dem Blickfeld.Dabei verbindet der im Hamburg geborene Komponist mit der bayerischen Hauptstadt doch positive Gefühle: dort wurde bei der diesjährigen Musiktheater-Biennale seine Oper "Komödie ohne Titel" uraufgeführt - mit Erfolg.Am heutigen Sonntag hat die Vertonung des surrealistischen Theaterstücks von Federico García Lorca beim Auftraggeber, im Apollo-Saal der Berliner Staatsoper um 20 Uhr Premiere, weitere Vorstellungen folgen am 17., 20., 22.und 25.September.

Aus der großformatigen Aufführungspartitur ragt weiß ein Dirigentenstab: Jan Müller-Wieland dirigiert seine Oper selbst.Im Gespräch über Musik keine Spur von virtuosem Umherfuchteln.Die Arme finden ihren Ruhepunkt immer wieder unter den Achseln: keine Pose eines selbstverliebten Orchestertryannen.Müller-Wieland schätzt die Nähe zum Theaterbetrieb, will den Sängern ihre Partie auf den Leib schreiben."Bei mir wird ja richtig gesungen, ich schreibe belcanto", sagt der Komponist, dem der "Spiegel die Zeile "Man trägt wieder Stimmband" titelte widmete.Doch als rückwärtsblickender Romantiker sieht er sich nicht."Gesang ist heute etwas dialektisches, Gesang ist träumerisch-traumatisch - ein Theaterzeichen." Als er in den 80er Jahren mit dem Komponieren begann, sah sich Müller-Wieland von lauter tragischen Opern umringt.Ihn dagegen interessiert ein buffoesker Tonfall im Stile einer "Così fan tutte" oder eines "Figaro".Dabei ist der Komponist selbst in Opernhäusern selten zu sehen.Er sei absolut kein "Freak" und die große Tenor-Geschichte dieses Jahrhunderts interessiere ihn nicht.

Die Liebe zum Theater gab bereits Anstoß zu fünf Opern."Wenn man gut und böse auf dem Theater nicht mehr trennen kann - das fasziniert mich." Absurd, grotesk muß es sein.So wie das Warten der Schauspieler in "Komödie ohne Titel".Für Jan Müller-Wieland lebt dieses Stück von der Angst vor dem Einbruch des Faschismus in die heile (Theater-)Welt.Er erzählt vom Urlaub in Mecklenburg, wie seine Frau ein NPD-Plakat abkratzen will und auf einmal ein Wagen mit Kahlgeschorenen neben ihnen hält."Die Wölfe lauern unscheinbar.Das läßt mich nicht los." Doch vor dem erhobenen Zeigefinger schreckt Müller-Wieland zurück.Er krümmt ihn lediglich zum Fragezeichen, so wie Lorcas "Komödie ohne Titel", die das Verhältnis zwischen Schein und Sein in Frage stellt.

Die Jahre des Herumreisens haben Jan Müller-Wieland geprägt.Stipendien führten ihn nach Rom in die Villa Massimo und nach Tanglewood.Die Dirigierkurse in der Bostener Talentschmiede bei Oliver Knussen und Seiji Ozawa bestärken ihn: "Keine Lust auf Mozart und Beethoven, das ist übersättigt." Als freischaffender Dirigent hat sich Müller-Wieland modernen, neugierigen Programmen verschrieben.Vor drei Jahren dann Ankunft in Berlin.Mit gutem Start: Der Berliner Senat fördert seine "Flanzendörfer-Wrackmente" für Bariton und Streichquartett, komponiert auf Texte des Prenzlauerberg-Dichters Frank Lanzendörfer, der sich 1988 das Leben nahm."Da scheint stark die politische Atmosphäre dieser Zeit durch." An der Deutschen Oper erlebt Müller-Wieland die Uraufführung der Oper "Das verratene Meer" seines Lehrers Hans Werner Henze hautnah mit: eine Produktion, die nach wenigen Vorstellungen direkt ins Magazin wandert.Der Assistent von damals, Jakob Peters-Messer, führt jetzt bei "Komödie ohne Titel" Regie.

"Das schwierigste ist, ein Werk durchzusetzen.Der klassische Musikbereich ist immer noch sehr konservativ." Nach englischem Vorbild sollten Komponisten über Jahre hinweg fest mit Ensembles zusammenarbeiten (als "composer in residence"), nur so könnten sie als Persönlichkeit eine Beziehung zum Publikum aufbauen."Dann wird man toleranter", vermutet Müller-Wieland.Bis dahin übt sich der Komponist in Realismus: "Man kann schon zufrieden sein, wenn ein Berg oder Henze gespielt wird." Jan Müller-Wieland setzt diese Worte gewählt und nachdenklich.Erschöpft von einem langen Probentag guckt er über den Rand seiner Brille und lächelt.Sieht so ein Mensch aus, der gerade ein Fanal aus schmetterndem Bolero-Marsch und einschlagenden Bomben im Apollo-Saal gezündet hat? Ein "enfant terrible" der Szene ist er keinesfalls, Kritiker haben seine "Komödie ohne Titel" gar als "zu herkömmlich" bezeichnet.Doch Müller-Wieland kann beim Komponieren auch über das Ziel hinausschießen: Auf dem Notenständer des E-Pianos warnt ein Schild mit dicker Filzstift-Schrift - "Nicht über den Rand schreiben."

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