Kultur : AUFTRITT

VOLKER STRAEBEL

Unter den Berliner Komponisten gibt es nur wenige, für die der Computer ebenso unentbehrlich ist wie Notenpapier, Bleistift oder Radiergummi.Nicht unbedingt elektronische Klänge entlocken sie dem Rechner, sondern Zahlenmaterial, das die Gestalt ihrer konventionell ausnotierten Werke bestimmt.Algorithmische Komposition und Partitursynthese sind die Schlagworte, die nur der mit sinnenfeindlicher Konstruktion verbindet, der noch nie den schlüssigen Formen oder ausgeklügelten Prozessen der Werke von Franz Martin Olbrisch, Orm Finnendahl, Hans Peter Kyburz oder Altmeister Iannis Xenakis erlag.Von Olbrisch kommen heute und morgen zwei Werke zur Uraufführung - Grund genug, den Wahlberliner in Schöneberg zu besuchen.

1972 kam Franz Martin Olbrisch als Zwanzigjähriger in die Stadt, "wegen der Bundeswehr und um mich mit Musik zu beschäftigen".Wäre Ersteres nicht gewesen, man wäre in dieser Zeit kaum der Neuen Musik wegen nach Berlin gegangen.Doch Olbrisch genoß das offene Klima, sog die SFB-Konzerte und die Lautsprecherabende der Akademie der Künste auf, ehe er 27jährig begann, bei Frank Michael Beyer an der Hochschule der Künste Komposition zu studieren.Schon in den ersten Kammerwerken zeigte sich Olbrischs Neigung, "die Instrumente nach ihren Möglichkeiten systematisch zu durchforsten".

In den späten achtziger Jahren verließ der Komponist erstmals den Konzertsaal.Für ein "Event", der im Rahmen der Willy-Bauermeister-Ausstellung Innen- und Außenraum der Neuen Nationalgalerie bespielte, gewann Olbrisch ein Senatsstipendium.Um das Gebäude herum ließ er Musiker und Performer agieren, deren akustische Aktionen per Lautsprecher in den großen Ausstellungsraum übertragen wurden, in dem sich das Publikum aufhielt."Der Zuschauer oder Zuhörer oder was auch immer er gerade ist, mußte seine Wahrnehmung selbst organisieren." So geriet die Wahrnehmung selbst in den Blick und radikaler Konstruktivismus, Wahrnehmungspsychologie und Systemtheorie bestimmen seither Olbrischs musikalisches Denken.

Neben anderen oft intermedialen "Events" schuf Franz Martin Olbrisch auch originäre Klangkunstwerke, wie 1993 die radiophone Installation "FM 099.5" für Donaueschingen oder 1996 das "Klangleitsystem" in der Berliner Hörgalerie Singuhr.Deren Offenheit löst den traditionellen Werkbegriff auf: War früher der "Hörer eigentlich Voyeur", so entsteht jetzt eine ästhetische Situation, die "den Hörer ins Werk hineinzieht".Olbrisch empfindet mit Hinweis auf Stockhausen das Nebeneinander von Komposition und Klangkunst nicht als künstlerischen Spagat, vielmehr als verschiedene Ausformungen der akustischen Kunst.

So wird heute um 20 Uhr 30 in der "Berliner Kabarett Anstalt" (BKA) das Publikum die Uraufführung des Senatsauftrages "Auf den Wellen eines Meeres von Beziehungen" für Tuba und Live-Elektronik massiv beeinflussen können.Die Partitur wird erst im Moment der Aufführung generiert und dem Solisten Michael Vogt auf einem Monitor angezeigt.Wird das über Sensoren beobachtete Publikum unruhig - was Olbrisch als Zeichen von Lageweile deutet - wird das Spiel der Tuba bewegter und abwechslungsreicher.Ruhige Hörer hingegen bekommen einen ruhigeren Klangverlauf.Letztlich ist der Hörer selbst dafür verantwortlich, was er hört.

Morgen erlebt die Komposition "Études aux roulements" um 20 Uhr im Haus des Rundfunks ihre Uraufführung.Zur Eröffnung der in diesem Jahr der Musique concrète gewidmeten "Inventionen" bestellten das Festival und die SFB-Hörspielredaktion bei Olbrisch, Enno Poppe und Arnulf Herrmann ein Hörstück, das unter dem Oberbegriff "Mechanik" elektronische Klänge, Klavier und Schlagzeug zusammenbringen wird.Für Olbrisch, der seit 1980 regelmäßig am Elektronischen Studio der TU produziert, ein willkommener Anlaß für eine Raumklangkomposition.Ein Universalist - frei in der Wahl seiner Mittel.

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