Kultur : AUFTRITT

ROMAN RHODE

Die erfolgreichen kubanischen Schriftsteller im europäischen Exil leben entweder in London, Paris oder Madrid: Guillermo Cabrera Infante genießt Nebel und Regen, Zoé Valdés das Amüsement, Jesús Díaz aber fühlt sich vom Licht und der Klarheit des velázquezblauen Himmels angezogen.Die Adresse in der spanischen Hauptstadt, wo Díaz seit drei Jahren wohnt, liegt allerdings so versteckt, daß selbst der ortskundige Taxifahrer sie mit Hilfe des Straßenplans nicht findet.Ein konspiratives Refugium? Doch dann stellt sich heraus, daß der geplagte Chauffeur nicht lesen kann.Auf Kuba, wo es seit der Revolution praktisch keinen Analphabetismus mehr gibt, wäre so etwas undenkbar.Dagegen ist die Zahl der zensierten, geächteten und verbannten Dichter in den letzten Jahren gestiegen.Auch Jesús Díaz gehört zu ihnen.Denn die offizielle Losung "Sozialismus oder Tod" hat sich für den Autor, Filmemacher und ehemaligen Professor für Philosophie unversehens in die tropische Variante einer Fatwa verwandelt.Als Díaz sich 1991 als Stipendiat des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes in Berlin aufhielt, sprach er sich öffentlich gegen das von den USA gegen Kuba verhängte Wirtschaftsembargo aus, kritisierte jedoch zugleich Castros militante Losung.

Die Antwort aus der Heimat ließ nicht auf sich warten.Der damalige Minister für Kultur, Armando Hart, schrieb einen offenen Brief, der zunächst nur zwischen dem kubanischen Kultus- und Innenministerium zirkulierte, jedoch an Díaz gerichtet war.Wort für Wort dieses Briefes hat der Schriftsteller bis heute im Gedächtnis behalten: "Dein Verbrechen", zitiert er auswendig, "ist noch schlimmer als das von Barbaren, die gefesselte Menschen umbringen." Díaz holt Luft."Leider sieht das Gesetz für deine Niedertracht nicht die Todesstrafe vor.Doch die kubanische Geschichte und Kultur werden dich noch härter bestrafen.Du hast dich für einen Teller Linsen verkauft und solltest Judas heißen." Noch immer merkt man Díaz seine Verbitterung an, wenn er lakonisch hinzusetzt: "Das ist die Sprache der Inquisition." Schmerzhaft war der Brief aus Kuba für ihn vor allem deshalb, weil er sich bis dahin selber als streitbarer Intellektueller für die Revolution engagiert hatte.Zwei kritische Kulturzeitschriften gab er heraus, arbeitete als Drehbuchautor und Dozent am Kubanischen Filminstitut und veröffentlichte literarische Werke.Für seinen Erzählband "Die harten Jahre", der die Zeit des revolutionären Umbruchs widerspiegelt, bekam er 1966 sogar den renommierten Preis der Casa de las Américas.Sein erster Roman "Die Initialen der Erde" wurde allerdings vor der Veröffentlichung 1987 lange Zeit auf Eis gelegt.Der Grund: Díaz beschreibt darin seine eigene Generation, die in ihrer Jugend die Batista-Diktatur bekämpfte, sich später jedoch vom Dogmatismus der revolutionären Führung enttäuscht sieht.

Auch in den folgenden Romanen, die alle im Exil entstanden sind, zeichnet Díaz seine Protagonisten in einem ambivalenten Verhältnis zur kubanischen Revolution.Daß die meisten seiner Bücher inzwischen auch ins Deutsche übersetzt worden sind, ist wohl nicht zuletzt den Jahren im Berliner Exil geschuldet.Hier nahm Díaz eine Gastprofessur an der Film- und Fernsehakademie wahr, weil eine Rückkehr nach Kuba zwar nicht unbedingt den Tod, mit Sicherheit aber das Gefängnis bedeutet hätte.Es folgten weitere Romane.1993 erhielt Díaz den wichtigen spanischen Literaturpreis "Premio Nadal", zwei Jahre später zog er nach Madrid: "Ich brauchte einfach die Sonne."

Seiner Biographie ist Díaz auch in Madrid treu geblieben, wo er eine Zeitschrift herausgibt, die den programmatischen Titel "Encuentro" trägt - "Begegnung der kubanischen Kultur".Daß diese Vierteljahresschrift von der spanischen Rechten und den kubanischen Behörden gleichermaßen attackiert wird, macht deutlich, wie sehr Díaz zwischen den Stühlen sitzt.Ihm geht es um eine parteiübergreifende "kulturelle Opposition", doch damit nimmt er einen "fast unmöglichen Standpunkt" ein.Díaz argumentiert präzise und mit Leidenschaft, Zigarette um Zigarette: So lesen sich auch seine Romane, die von Musik, Klang und Bewegung dreier Kontinente durchdrungen sind, einer vitalistischen Mischung aus Kolonie, Mutterland und Afrika - genau das ist Kuba.Im Oktober wird ein neuer Roman erscheinen, der erstmals die Identitätsfrage des Exils stellt."Erzähle mir etwas über Kuba" lautet der Titel.Es ist die leitmotivische Frage eines amerikanischen Mädchens, das in Miami auf einen Kubaner trifft, der sich von der Sonne bräunen läßt, um in die Haut eines Boot-Flüchtlings zu schlüpfen.Weil die Frage aber auf Englisch gestellt ist, versteht sie der Kubaner nicht.Und die Antwort? "Die Antwort", so Díaz, "ist der ganze Roman."

Jesús Díaz spricht heute über den Transformationsprozeß Kubas, Haus der Kulturen der Welt, 18 Uhr.

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