Kultur : AUFTRITT

REINER SCHWEINFURTH

Mutmaßlich ist es die gute Lehrerin in ihr, der es gelingt, die oft aussichtslose Verfassung ihrer Patienten so plastisch zu beschreiben, daß ein Ausweg aus Depression möglich erscheint.Mit gesetzten Worten erläutert Ilany Kogan den Zwang, der Kinder von Holocaust-Opfern dazu bringt, den Überlebenskampf ihrer Familie noch einmal zu bestehen.Sie gehört wie viele ihrer Patienten zu jener Generation, die ihre Lebensbasis in Israel gefunden hat.Eine Existenz, die nicht mehr unter der Bedrohung des Antisemitismus stand."Ich glaubte, daß die Problematik der zweiten Generation für mich nicht zuträfe - meine Eltern haben während des Krieges in Bukarest nicht gelitten -, bis meine Mutter mir erzählte, daß mein Großvater im Konzentrationslager an Typhus starb." So geschieht es immer wieder: Nachgeborene der KZ-Häftlinge wollen die Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern mit genau dem gleichen Schrecken aktualisieren, obwohl sich die äußeren Umstände verändert haben.Der Schatten des Holocaust verschwindet nicht, bis die Traumatisierung durchgearbeitet ist; Brutalität und Angst verdichten sich in der Phantasie bis zur Identitäts-Aufgabe; das Trauma wird an eigene Kinder weitergegeben.Ilany Kogans Lehrer, dem Analytiker Hillel Klein, gelang es erst am Ende seines Lebens, die eigenen Erfahrungen des Überlebens zu bewältigen."Es sind oft sehr kranke Menschen, die zu mir kommen", sagt die Analytikerin."Gemeinsam mit dem Patienten muß ich mich auf die Suche nach den Ursachen begeben.Manchmal leben sie den Holocaust, als ob er ihre Geschichte wäre."

Seit 15 Jahren arbeitet Ilany Kogan mit solchen Fällen.Hat sie nie ein Gefühl der Rache gegenüber den Deutschen empfunden? "Kaum.Ich habe in Deutschland Freunde.Ich treffe viele Leute, die versuchen, sich der Vergangenheit zu stellen, was schwierig und schmerzhaft ist." Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern war immer wieder gezwungen, in ihrer Arbeit die nötige Distanz zwischen Patient und Arzt aufzugeben.Der Kampf der Traumatisierten um eine geheilte Zeit beanspruchte sie zeitweise so sehr, daß sie den Abbruch der Therapie nicht hinnahm.Sie schrieb Briefe, telefonierte und hatte das Glück, wenn Patienten ohne Adresse verschwunden waren, manchmal die Nadel im Heuhaufen zu finden.Der Glaube daran, daß man nicht aufgeben darf, selbst in auswegloser Situation, durchdringt Ilany Kogan noch heute.Die Bedingungen, unter denen sie in Israel arbeitet, sind anders als in Europa oder den USA.Sie berichtet, wie sie während des Golfkrieges mit Patientinnen diskutierte, wer angesichts der Raketenangriffe durch den Irak zuerst die Gasmaske aufziehen sollte.Man wußte, daß die Kriegstechnologie aus Deutschland stammte."Die deutsche Kultur hat in meinem Elternhaus eine herausragende Rolle gespielt", sagt die Ärztin, "Mein Vater spricht heute noch hochdeutsch.Deshalb freue ich mich besonders, daß mein Buch auf deutsch erschienen ist, weil er diese Sprache so liebt."

Bei der Premiere ihrer Lesetour in Frankfurt hatte sich die Spitze psychoanalytischer Institutionen versammelt."Der stumme Schrei der Kinder - Die zweite Generation der Holocaust-Opfer" (S.Fischer) berichtet von Menschen, die sich in einer Psycho-Dynamik befanden, deren Konsequenz oft der Selbstmord gewesen wäre.Daß sie weiterlebten, verdanken sie möglicherweise einer Frau, die mittlerweile mit ihren Arbeiten zur Traumatisierung durch die Shoa in der Fachwelt geschätzt wird.Ilany Kogan ist vor allem daran interessiert, daß es in der zweiten Generation Opfer und Täter sich begegnen."Es ist noch gar nicht abzusehen, was daraus entstehen kann."

Ilany Kogan liest aus "Der stumme Schrei der Kinder" am 5.10.um 19 Uhr 30 in der Literaturhandlung Joachimstaler Str.13.

0 Kommentare

Neuester Kommentar