Kultur : AUFTRITT

CHRISTIAN DEUTSCHMANN

Den 16.Juli 1942 verbrachte der damals 14jährige in einem Schrank.Das hat ihm das Leben gerettet: während es der Mutter noch gelang, ihn zu verstecken, kam die Gestapo bereits die Treppen hoch.Dem "Jour de La Grande Rafle" fällt zusammen mit mehr als 12 000 französischen Juden auch die Familie Raymond Federmans zum Opfer.Der heute 70jährige betrachtet diesen Tag als seinen "wahren Geburtstag": "an diesem Tag erhielt ich ein Übermaß an Leben zum Geschenk".

Die Schrankepisode im von den Deutschen besetzten Paris durchzieht das Werk Federmans.In jedem seiner Romane taucht sie in irgendeiner Form auf.Im burlesken und oft ruppigen, von Herumalbern, Nonsens und drastischen Sexphantasien, dann wieder unvermutet von tiefem melancholischen Ernst durchzogenen Wortestakkato seines "Noodling" (einer Figur aus dem Jazz) oder "Doodling" - Lieblingsbegriffe Federmans für seine Schreibtechniken - stößt der Autor immer wieder auf einen Ursprung jenseits aktenkundigen Beginnens.Ein "Geworfensein" des Alleingelassenen in eine Welt, die ihm nichts schenkt.(Neben Samuel Beckett, dem er 1963 das erste Mal begegnet und mit dem er sich anfreundet, zählt der Existentialismus, zählen Sartre und Camus zu seinen Anregern).

Zu schreiben beginnt er, "um die Geste meiner Mutter zu verstehen, als sie mich in dem Wandschrank verbarg, und um die Dunkelheit zu entziffern, in die ich an jenem Tage gestoßen wurde".Ein Schreiben aus einem Trauma heraus und einem Gefühl, von dem er möchte, daß es von seinen Lesern geteilt wird: dem Gefühl "von etwas Abwesendem".Inzwischen hat es der im Mai siebzig Gewordene längst gelernt, sich in jener Welt zu bewegen, in der das Geschehen von damals immer entferntere Echos hervorruft."Was mich interessiert, ist das, was passiert, wenn man in einer Zeit lebt, die ich die Post-Holocaust-Ära nenne".Die Niederlagen und Selbstbehauptungen von Leuten, die sich durchs Leben schlagen, die echten und die falschen Töne, quälende Obsessionen und die Triumphe der Vitalität - er beginnt stets bei sich selber.Und seine Figuren, sie tragen, wie verklausuliert auch immer, alle seinen Namen.

Ein Schreiben also jenseits aller autobiographischen Konvention.In "Der Pelz meiner Tante Rachel" erzählt er, wie er nach Kriegsende jener Tante begegnet, deren schillernde Erscheinung der einzige Lichtblick inmitten einer eigensüchtigen Verwandtschaft wird, die nunmehr seine "Familie" darstellt."Betrifft: Sarahs Cousin" dreht sich um die Begegnung mit der nach Israel ausgewanderten Cousine."Take It Or Leave It", erst jetzt, 22 Jahre nach seiner Entstehung, in Deutschland erschienen, greift auf den Korea-Krieg zurück, zu dem der 1947 in die Vereinigten Staaten Ausgewanderte eingezogen wird.Doch alle diese Umstände müssen dem Spiel des Sich-Erinnerns, Räsonierens, Giftens, Abschweifens, des präzisierenden Innehaltens und des von Lust und Abscheu gleichermaßen gesteuerten Worteerfindens abgerungen werden.Federman, gänzlich desinteressiert an Mahnmalen und "offiziellem Gedenken", schreibt Texte voll radikaler Gegenwart.Texte, die nicht nur sinnlich sind, sondern "auch sexy", denn er schreibt "nicht nur mit meinem Kopf, sondern auch mit meinem Körper".

Die Gesellschaft unverblümter, skurriler Typen ist seine Domäne.Manchmal scheinen seine Figuren an Sprechdurchfall zu leiden.Dann verfallen auch Orthographie und Interpunktion fröhlicher Anarchie.Ein assoziativ "swingendes" Sprechen hebt an, das sich an auftauchenden Motiven reibt, dem Jazz vergleichbar, zu dem Federman eine starke Affinität besitzt.1949, so erzählt er, sei er in einem Jazzclub, wo er Saxophon spielte, Charlie Parker begegnet, der sich sein Instrument ausgeliehen habe.Wochenlang danach habe er das Mundstück nicht mehr abgewischt.Eine CD, die Federman kürzlich mit der Jazzgruppe Art de Fakt aufnahm, bezeugt seine ungebrochene Lust am Schrill-Poetischen, an Literatur, die gehört werden muß.In Buffalo lehrt der inzwischen mit zahlreichen Preisen (darunter dem renommierten "American Book Award") Geehrte kreatives Schreiben.Vor deutschen Lesern hat er Respekt, denn die Deutschen "lesen meine Bücher", während die Amerikaner "nur darauf schauen, als ob es seltsame Gebilde seien".

Heute kommt Federman auf Einladung der Jüdischen Volkshochschule nach Berlin, um zusammen mit "Art de Fakt" eine lange Nacht in der Literaturwerkstatt Pankow zu geben.

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