Kultur : AUFTRITT

CHRISTIAN BÖHME

Seiner eigenen bewegenden Vergangenheit und seinem umfangreichen µuvre sei Dank - mit Walter Laqueur kann man sich über vieles unterhalten: über den Faschismus, den Kommunismus, den Kalten Krieg, die untergegangene Sowjetunion, Europa und deutsche Befindlichkeiten.Meistens ist der angesehene amerikanische Historiker und Publizist bestens informiert, schöpft aus einem riesigen Wissensreservoir, das er in den vergangenen fünf Jahrzehnten gefüllt hat.Aber am liebsten spricht der 77jährige derzeit über die Zukunft der politischen Gewalt.Es wird womöglich eine düstere und gefährliche Zukunft für die Menschheit werden.Davon ist Laqueur überzeugt.Nicht umsonst trägt sein im Herbst vergangenen Jahres im Propyläen-Verlag erschienenes Buch über die weltweite Gefahr des Terrorismus den Titel "Die globale Bedrohung".

Wer sich das 370-Seiten-Werk zu Gemüte führt, merkt schnell: Hier meldet sich ein Skeptiker und Mahner zu Wort.Terror von rechts, Religion und Terrorismus, Ökoterrorismus.Das sind nur einige Themen, denen sich Laqueur widmet.Nun ist der Terrorismus, in welcher Gestalt auch immer, keineswegs ein neues Phänomen.Was das 21.Jahrhundert allerdings vom 20.unterscheiden werde, sei die Möglichkeit, das Ende der Menschheit herbeizuführen, glaubt das Mitglied des Beirats im Washingtoner Center for International and Strategic Studies.Ein übertriebenes Schreckens-Szenario? Keinesfalls, erwidert Laqueur ruhig, aber unbeirrt.Und seine Sätze haben eine Eindringlichkeit, die eigentlich keinen Widerspruch dulden: "Völlig neu ist doch, daß inzwischen auch kleinere Gruppen und einzelne Personen sich Zugang zu Massenvernichtungswaffen verschaffen können.Und es gibt neue, extreme Formen des Fanatismus.Religiöse Sektierer, nationalistische Eiferer und schlichtweg Wahnsinnige wie der Unabomber in den USA, die das Ende der Welt in Kauf nehmen oder es herbeisehnen, machen Anschläge so unkalkulierbar." Warum die Bessenheit eine solche gefährliche Dimension erreicht hat, kann auch der Experte nicht plausibel erklären.

Aber nicht nur die Bedrohung als solche macht Laqueur Sorgen, sondern auch die mangelnde Vorbereitung auf terroristische Aktionen."Die zu erwartende Panik nach einem Einsatz von biologischen, chemischen oder atomaren Waffen kann noch mehr Schaden anrichten als ohnehin zu beklagen sein wird", ist er sich sicher.Und ob eine Demokratie mit dem Ausnahmezustand nach einer Katastrophe zurecht kommen werde, sei noch eine ganz andere Frage.

Laqueur treibt aber derzeit nicht nur die Zukunft der Menschheit um, sondern auch die Vergangenheit seiner eigenen Generation.Die Emigration zu Beginn der Nazizeit lautet das Stichwort.Im Blick hat der nach einer Rückenoperation etwas gebrechlich wirkende Forscher weniger die paar Einsteins, die quasi als gemachte Leute Deutschland den Rücken kehren mußten und ohne Probleme Aufnahme in anderen Ländern fanden.Es geht Laqueur mehr um die damals Zehn- bis 20jährigen Habenichtse, die oft ohne Ausbildung und ohne finanzielle Unterstützung sich eine neue Existenz in der Fremde aufbauen mußten.Was ist aus den 150 000 bis 200 000 zumeist jüdischen Flüchtlingen geworden? Ist es ihnen gelungen, sich zu integrieren? Wie hat sich im Laufe der Zeit ihre Einstellung gegenüber Deutschland und dem Judentum verändert? Das sind die Fragen, die Laqueur mit Hilfe einer kollektiven Biographie beantworten möchte.Zu einem nicht unerheblichen Teil sind das auch die Fragen, die ihn immer wieder selbst beschäftigt haben.

1921 in Breslau als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren, emigrierte Laqueur 1938 nach Palästina.Es begann seine Zeit als "Wanderer wider Willen".Sieben Jahre lebte er in einem Kibbuz, beteiligte sich als Soldat und Journalist an dem Kampf gegen die britische Mandatsmacht für einen Staat Israel.Das Land des damaligen Gegners wurde später seine wissenschaftliche Heimat.In London gründete Laqueur nicht nur 1955 die Zeitschrift "Survey", die sich vor allem kritisch mit der Sowjetunion beschäftigte, sondern dort war er auch zwischen 1964 und 1991 der Direktor des "Institute for Contemporary History and Wiener Library".Mit anderen Worten: Der Mann aus einfachen Verhältnissen hat es - wie einige andere, mit denen er das Schicksal der Emigration teilte - fernab der einstigen Heimat zu Erfolg und Ansehen gebracht.Dennoch blieb Laqueur Deutschland gewogen - als kritischer Beobachter.

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