Kultur : AUFTRITT

VOLKER STRAEBEL

Das Büro von Martin Demmler im Haus des Rundfunks ist ein schmaler Schlauch, vollgestopft mit CDs und Tonbändern.Hier residiert der Chef der Redaktion Neue Musik beim SFB, der mit seinen Sendungen und der Orchesterkonzertreihe "Musik der Gegenwart" fleißig am Berliner Diskurs über aktuelle Strömungen der Tonkunst teilnimmt.Die gleiche Position bekleidet Rainer Pöllmann beim DeutschlandRadio Berlin.Dessen engagiertes Festival "ex negativo", das vier Jahre lang einen Fixpunkt im Musikleben des Januars bildete, geht nun auf in einer Kooperation der beiden Radioanstalten: "Ultraschall" heißt die neue Reihe, die Pöllmann und Demmler gemeinsam ausgebrütet haben und mit der sie seit gestern "eine Woche durchmachen".

Dabei ist Anliegen wie Programm des Festivals weniger ätherisch, als der Titel vermuten lassen könnte.Die beiden Radiomacher kennen die Szene in Berlin sehr genau und wollen im Reigen der "vielen Konzerte mit Neuer Musik, die im eigenen Saft schmoren" neue Akzente setzen.Deshalb verlassen sie die angestammten Säle und versuchen, etwa im Podewil oder in den Sophiensälen, ein neues Publikum zu gewinnen.Für wechselnde Veranstaltungsorte spricht auch die allgemein wachsende Sensibilität für das Verhältnis von Aufführungsraum und dargebotener Musik.Das gestrige Konzert vom RIAS-Kammerchor und den Michaels-Trompetern, die gerade einen Förderpreis der Ernst-von-Siemens-Stiftung erhielten, nutzte im Kammermusiksaal der Philharmonie die Möglichkeiten der Architektur und umgab das Publikum mit dem Klang, statt es frontal mit diesem zu konfrontieren.Ebenso wird Robyn Schulkowsky mit ihrem Schlagzeugabend "In der Hitze meine Stimme" auf den morbiden Raum in den Sophiensälen (Dienstag, 20 Uhr) reagieren, in dem sie sieben Perkussion-Sets aufstellt und im Verlaufe des Konzerts von einem zum nächsten wechselt.Die musikalische Variantenbildung wird hier erweitert um den Parameter des Raumes.



"Wir haben uns bewußt kein General-Thema gegeben, weil das oft ohnehin nicht aufgeht.Das wäre dann wie in Donaueschingen, wo man in der abschließenden Pressekonferenz erfährt, was eigentlich das Thema gewesen sein soll." Martin Demmlers launiger Pragmatismus vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, daß "Ultraschall" nicht nur topographisch, sondern auch inhaltlich zersplittert wirkt.Das Programm kreist um den Aspekt "Stimme", um japanische Musik und den Jungstar Matthias Pintscher (Porträtkonzert mit dem RSO am 12.Februar, 20 Uhr, im SFB), spannt den Bogen von der Reihe "Woher-Wohin?" des Ensembles United Berlin, in der Christian Wolff im Kleinen Saal des Konzerthauses ein Konzert mit Uraufführungen von sich, seiner Schülerin Krystyna Bobrowski und Altmeister Alvin Lucier, sowie politischen Werken von Howard Skempton und Frederic Rzewski kuratiert (6.Februar, 19.30 Uhr) bis zu traditioneller Musik aus Japan (SFB, 7.Februar, 18.30 Uhr).Dazwischen eine Podiumsdiskussion über "Die jungen Wilden", die so wild nun wirklich nicht sind, (6.Februar, 16 Uhr im Institut für Neue Musik der HdK) und ein Saxophonkonzert für Johannes Ernst, das ihm der häufig vertretene Toshio Hosokawa auf den Leib schrieb (DSO mit einem schönen Japan-Programm im SFB, 7.Februar, 20 Uhr).Ob es so gelingt, "Grenzen zu sprengen und ästhetische Abgrenzungen zu durchbrechen"?

Pöllmann und Demmler haben spannende Konzerte zusammengestellt und ihre Rundfunkorchester in die Pflicht nehmen können.Aber ob ihnen ein Festival mit eigenem Profil gelungen ist, muß sich erst noch beweisen.Den Sprung von der Negativen Dialektik zum Schall jenseits der Hörgrenze ist erst einmal gewagt.Nun gilt es, live oder am Radio dessen akustische Realität zu observieren.

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