Kultur : Auftritt

JÖRG KÖNIGSDORF

Ein Glück, der frühe Erfolg ist Leif Ove Andsnes nicht zu Kopf gestiegen.Da sitzt er einem am Frühstückstisch gegenüber, ganz der nette Junge von nebenan, frisch geduscht mit blendend weißen Zähnen."Das liegt wohl auch daran, daß ich mich zum Glück noch etwas unterhalb der Superstar-Kategorie eines Kissin bewege", mutmaßt er beim Fabrizieren des ersten morgendlichen Fischbrotes."Mir hat die Möglichkeit, schon relativ früh Konzerte geben zu können, so eigentlich nur genützt.Jedesmal, wenn ich ein Werk wieder spiele, merke ich, daß sich meine Interpretation seit dem letzten Mal unbewußt ein wenig geändert hat.Zum Beispiel beim 3.Prokofjew-Konzert, das ich oft gespielt habe.Von Abend zu Abend wurde es im Kopf ein wenig handlicher, schmolz es gewissermaßen ein wenig zusammen."

Die großen Konzertreißer von Prokofjew und Rachmaninow sind noch nicht allzulange im Repertoire des Neunundzwanzigjährigen.Seine ersten Erfolge heimste er mit mit weniger geläufiger Musik ein, mit Szymanowski, Nielsen und Janßcek.Und natürlich mit Grieg, für jeden Norweger ein Muß.Die Klassiker der russischen und deutschen Musik geht er gelassen an."Als Norweger stehe ich da unter einem viel geringeren Erwartungsdruck als etwa ein russischer Pianist, der selber schon zwanzigmal Gilels und Richter gehört hat.Vieles von dem, was ich spiele, ist in Norwegen ohnehin neu, ich kann viele Stücke im Konzert für mich entdecken und mir einen frischen Zugang bewahren, ohne daß mir die Heroen den Weg verstellen."

Dennoch hat die große Klaviertradition auch Andsnes geprägt, wenngleich vor allem über Schallplatten.Richter, bekennt er, sei sein Idol, und für die Prokofjew- und Rachmaninow-Konzerte habe er sich natürlich auch die Eigenaufnahmen der Komponisten angehört."Ich glaube allerdings, daß Komponisten nicht immer die besten Interpreten ihrer Werke sind.Sie entdecken die Musik ja nicht, während sie sie spielen, sondern während sie sie schreiben.Rachmaninow zielt bei seinen Interpretationen immer auf die großen Linien; das Hervorheben besonderer Harmonien oder reizvoller Wendungen interessiert ihn beim Spiel nicht.Im Falle von Prokofjew bemühe ich mich allerdings, seine irrwitzig schnellen Tempi nachzuvollziehen.Das Konzert gewinnt so viel an Leichtigkeit."

Mittlerweile zur Süßwaren-Abteilung des Frühstückstisches übergeschwenkt, seziert Andsnes einen Schokocroissant und begutachtet skeptisch dessen Innenleben.Und wird sehr ernst."Es ist allerdings fast unmöglich, solche Vorstellungen auf einem modernen Konzertflügel zu realisieren.Das ist auch bei Mozart so, der für mich eher ein wilder Komponist ist.Spielt man eins seiner Konzerte aber nicht so artig und zivilisiert, klingt es auf einem modernen Riesen-Steinway schnell dick und vulgär.Die Musik soll doch sprechen, nicht schreien.Für meine Aufnahme von Haydn-Klaviersonaten habe ich lange nach einem passenden Instrument gesucht und schließlich einen kleinen Bösendorfer gefunden.In den war ich dann so vernarrt, daß ich ihn mir auch gleich gekauft habe." Ein ähnliches Erlebnis, erzählt er, sei für ihn das Spiel auf Griegs altem Steinway gewesen, Stunden um Stunden sei er dagesessen und habe eine ganz eigene, intime Klangwelt entdeckt.

Seit nahezu zehn Jahren gilt der Norweger als einer der interessantesten Nachwuchspianisten und wird von Podium zu Podium gereicht.Seine Art, Klavier zu spielen, erklärt er, habe sich in dieser Zeitspanne stark verändert."Früher wollte ich vor allem ganz ernst spielen und dachte, ich müßte beim Spiel in jedes Werk dramatisch involviert sein.Vor das Gefühl ist jetzt der abwägende Verstand geschaltet.Diese Distanz läßt mich viel lockerer spielen, sogar Charme ist jetzt möglich.Denn skandinavische Melancholie hin oder her - einen Tropfen Horowitz sollte jeder Pianist im Blut haben."

Leif Ove Andsnes spielt heute im Berliner Konzerthaus Werke von Nielsen, Liszt und Schumann.Beginn 19.30 Uhr.

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