Kultur : AUFTRITT

NORBERT SERVOS

Über 70 Ballette hat er in 26 Jahren geschaffen, abendfüllende Handlungsballette ebenso wie kurze abstrakte Tänze - Heinz Spoerli, Ballettdirektor in Zürich, zuvor in Basel und Düsseldorf.Stets reizt ihn das Gegensätzliche, das Springen zwischen den Genres, auch das Experimentieren mit Formen.Spoerli versteht sich als Moderner auf eindeutig klassischer Grundlage.Sehr wohl registriert der Zeitgenosse Spoerli die veränderten Zeiten, etwa die durch Film und Fernsehen geschulte Aufnahmefähigkeit.Auf Beschleunigung gilt es zu reagieren, und auch die Collage, etwa von Musiken ist ein legitimes Ausdrucksmittel.Dabei sieht Spoerli sich geprägt zwischen der Formstrenge eines Balanchine und der Experimentierfreude etwa des amerikanischen Jeoffrey Ballet.Gleichwohl, er hat einen eigenen Stil gefunden, eine oft aus der Balance gekippte Klassik, die ihren Schwung aus der Bewegung bezieht.

An der Deutschen Oper beschäftigt er sich, zum vierten Mal seit 1976, mit Shakespeares "Sommernachtstraum", an dem ihn die Möglichkeit romantischer Verzauberung fasziniert.Die Chance, verschiedene Spielarten der Liebe in wechselnden Pas de deux zu zeigen, fordert ihn zu immer neuen Versionen.So sind auch nun die Duette noch einmal überarbeitet.Als Gegenpol fungieren die Schauspieler, unter ihnen André Eisermann.Alle üblichen pantomimischen Hilfskonstruktionen will Spoerli umgehen, Schauspiel und Tanz sollen, klar geschieden, die Geschichte erzählen - die Geschichte eines Traums.Spoerli: "Das ist das Geschlossenste, was ich bisher gemacht habe".

Die derzeitigen Umstrukturierungen im Tanz betrachtet Spoerli mit Skepsis.Das Herauslösen von Ensembles aus den Opernhäusern berge Gefahren: "Jede Kürzung von Tänzerstellen ist ein Verlust für den Tanz insgesamt.Hier wirde womöglich Terrain aufgegeben, das später auch die Modernen nicht mehr für sich nutzen könnten.Denn was einmal verloren ist, kann nicht mehr zurückgewonnen werden." Man solle sich auf den Erhalt der Bestände konzentrieren.

Daß freilich junge Choreographen, die mit großen Ensembles an großen Häusern umgehen wollen und können, rar sind, sieht auch er.Das Problem sei wohl der Moderne so zu präsentieren, daß sie ein Haus mit über 2000 Plätzen auch füllen kann.Dazu bedürfe es einer guten Lobbyarbeit für den Tanz ebenso wie des richtigen Umgangs mit Nachwuchschoreographen.Die würden oft zu schnell zu hoch gepuscht und könnten sich nicht in einer geschützten, zugleich professionellen Atmosphäre entwickeln.Das Ergebnis: die vielleicht vielversprechenden Talente stürzen ab, weil sie sich an den zu großen Aufgaben verheben.

In Berlin sieht Spoerli in der derzeitigen Umstrukturierungsphase eine allgemeine Verunsicherung am Werk.Da müsse dringend wieder, wie er es nennt, ein `positiver DriveÔ in die Tanzszene kommen, eine gemeinsame Begeisterung.Daß es dabei, ganz undogmatisch, alle Formen des Tanzes im Auge hat, mag man ihm glauben.

Seinen "Sommernachtstraum", eine Komödie in kriegerischen Zeiten, sieht er als Insel der Freiheit, um für einen Moment des Drama des Alltags zu vergessen.Ganz ähnlich sieht das auch Pina Bausch mit ihren zunehmend heiteren Stücken: daß die hörteren Zeiten noch einem ganz anders balanciert werden müssen.Nicht durch die Verdopplung des Schreckens, sondern durch sein Gegenteil.

"Dornröschen" hat am 1.Mai um 19 Uhr in der Deutschen Oper Berlin Premiere.

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