Kultur : AUFTRITT

KATHRIN HILLGRUBER

Der kongolesische Literaturwissenschaftler und Schriftsteller V.Y.Mudimbe bekam die Machtverhältnisse in seinem Land schon sehr früh in Gestalt eines sprachlichen Gewaltakts zu spüren.Er wurde 1941 Valentin Yves getauft, doch als der Diktator Mobutu die Regierung übernahm, mußte Mudimbe seine christlichen Vornamen unter dem Druck eines Gesetzes in Vumbi Yoka ändern.Fast trotzig beschränkt er sich seitdem auf die Initialen.Wie viele seiner Landsleute lebte er lange im Exil.V.Y.Mudimbe ist der zweite Inhaber der Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur am Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin, nach dem russischen Autor Vladimir Sorokin.

Der Kongolese gilt als einer der bedeutendsten Vermittler der Literatur und Philosophie seines Kontinents.In zahlreichen Veröffentlichungen, darunter seinen zu Standardwerken gewordenen Studien "The Invention of Africa" (1988) und "The Idea of Africa", setzt er sich mit der ideellen Konstruktion Afrikas innerhalb kolonialer Denkstrukturen auseinander.

Das macht Mudimbe nicht nur aus Sicht des S.Fischer Verlags zum idealen Kandidaten für die Gastprofessur, die sich der kritischen Reflexion der Literaturen der Welt ohne Begrenzung auf Europa verschrieben hat, ganz im Sinne des Verlagsgründers.Weitere Stifter sind der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) und das Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck.Im kommenden Wintersemester wird der japanische Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe die noch junge Tradition an der Freien Universität fortsetzen.

Die Einladung habe ihn positiv überrascht, sagt V.Y.Mudimbe, er freue sich darauf, das verwandelte Berlin kennenzulernen.Er glaube, daß der postkoloniale Diskurs nicht nur für Länder mit einer ausgeprägten kolonialen Vergangenheit wie Frankreich, Belgien oder Großbritannien von Interesse sei.In seiner jahrzehntelangen, sich über drei Kontinente erstreckenden Arbeit als Hochschullehrer für Komparatistik, Romanistik und Afrikanistik - seit 1980 an der Stanford University - ging es ihm nie darum, einen Epilog zur Geschichte abzuhalten, sondern um einen aktuellen Kommentar zu postkolonialen Verhaltensweisen, zur Praxis des reichen Westens gegenüber seinen ehemaligen Territorien in Übersee.

V.Y.Mudimbe begann seine Laufbahn 1971 an der Universität von Zaire.Er ist Herausgeber der Zeitschrift "Encyclopedia of African Religions and Philosophy" und wurde auch als Romanautor und Dichter bekannt: Der Roman "Shaba deux" (1978) etwa reflektiert die grausamen Ereignisse während der Mobutu-Diktatur am Schicksal einer schwarzen Missionsschwester.

Heute abend hält V.Y.Mudimbe einen öffentlichen Vortrag mit dem Titel "Conflicts of Interpretation in an Inter-Cultural World".Die Einführung und Moderation hat Jßnos Riesz übernommen, Inhaber des Bayreuther Lehrstuhls für Romanistik, Institut für Afrika-Studien.Die beiden Professoren kennen sich von einem Kolloquium über den Stellenwert des Französischen in Afrika.Obwohl fast 200 Millionen Menschen Französisch als Umgangs- und Amtssprache benutzen, ist die bedeutende frankophone Literatur Afrikas hierzulande bislang kaum wahrgenommen worden.Mudimbe erschien das Französische in der früheren belgischen Kolonie Kongo stets als Sprache, die den Einwohnern zugleich aufgezwungen und vorenthalten wird.

Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek, Potsdamer Str.35, heute um 19 Uhr.

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