Kultur : AUFTRITT

RONALD BERG

Es heißt, ihre Kunst sei düster, todesschwanger, narzißtisch, autistisch, ekelhaft.Und tatsächlich kostet es einige Überwindung, das tabernakelähnliche Gehäuse zu betreten, das die beiden Installationskünstlerinnen Ulrike Bock und Brigitta Sgier da zwischen die überlebensgroßen Kriegerdenkmäler in die Berlinische Galerie im Lapidarium gebaut haben.Fünf Wächter eskortieren das hölzerne Stangenkonstrukt, das mystische Leiergesänge umwehen.Überall auf dem Boden liegt Salz, und ein roter "Lebensfaden" über der Installation gemahnt den Besucher an seine eigene Endlichkeit.Drinnen der Tod: ein Tierkadaver, niedlich verpackt in ein Federbett.Daneben - einem Altar gleich - ein Tisch und ein Fotokruzifix.Und überall die gleichen primitivistischen Holzfiguren mit den roten Wundmalen: teils mit Fäden vernäht, teils mit Binden umwickelt und mit scharfen Klingen übersät.

"Die Furcht sucht in der Dunkelheit nach den Dingen", heißt die Installation der beiden Künstlerinnen Ulrike Bock und Brigitta Sgier, die soeben vom "Verein der Berliner Künstlerinnen von 1867" mit dem mit 10 000 Mark dotierten Werefkin-Preis ausgezeichnet worden sind."Nein, das ist nicht autobiographisch, das ist metaphorisch gemeint", erklären beide sofort, um jegliche Mißverständnisse von vornherein auszuschließen."Ich zum Beispiel hatte eine wunderbare Kindheit", fügt Ulrike Bock ironisch hinzu.Von Todessehnsucht keine Spur."Die Leute machen es sich meist zu bequem: Ach Gott, die Armen, heißt es dann", erklärt Brigitta Sgier.Nein, bedauern solle man sie wirklich nicht.Im Gegenteil: "Wir sind glücklich, einen Beruf zu haben, wo man das sonst Tabuisierte, zum Beispiel Leiden und Schmerz, zulassen kann."

Doch auf manchen Besucher wirkt das Werk der beiden Frauen wie ein Schock.Die Reaktionen reichen von der krassen Ablehnung mit Gewaltandrohung bis hin zur devoten Bewunderung, wie beispielsweise bei jenem Mann, der einmal eine Kellerinstallation der beiden Künstlerinnen wie ein Moslem seine Moschee nur ohne Schuhe betreten wollte."Unsere Kunst reicht in die Tiefe", sagen Bock und Sgier selbst und kreieren damit eine Metapher, die für ihr ganzes Werk zu gelten scheint: Tiefe, die den Betrachter erschauern läßt, in die er sich unter Umständen gar nicht einzutauchen traut.

Doch neben dem Tod gibt es auch noch die Liebe.Und die Erdbeeren: in knalliger Farbe und mit dichtem Strich, Lage für Lage, von Ulrike Bock in große Bilder hineingemalt.Ein pralles, verführerisches Liebessymbol und eine süße Erinnerung an die erste Begegnung der beiden Künstlerinnen 1986, als sie zusammen Erdbeeren aßen: Brigitta Sgier, die Schweizer "Komponistin für Ton und Bild", und Ulrike Bock, die eigentlich Fotografin ist, sich heute aber entsprechend "Dichterin für Bild und Wort" nennt.Ein Paar, das sich gegenseitig ergänzt und ausgleicht in Installation, Malerei, Plastik, Gedicht und Text, begleitet und vertont von gesanglichen, minimalen Repetitionen.

Galeristin Karoline Müller, die das Künstlerpaar einst entdeckte, ist sich sicher: "Das sind Profis." Anders wäre man in dieser Kunst und Bilderwelt ohnehin nicht lebensfähig.Das Problem der Leute, die mit ihrer Kunst nicht zurechtkämen, läge bei den Leuten selbst und der gesellschaftlichen Realität, in der sie leben, glaubt Brigitta Sgier.Die sei feindlich und verbraucht, besonders in einer Großstadt wie Berlin.Das Künstlerpaar selbst lebt mittlerweile in Pinnow in der Uckermark, fern aller Hauptstadtkritikaster und -künstler, "wo Ernsthaftigkeit ein Skandal ist und die Presse ihre Opfer auf höchst subtile Weise zur Strecke bringt".Gegen diese verordnete Oberflächlichkeit wirkt Bocks und Sgiers Kunst geradezu zärtlich, zumindest offen und ehrlich, trotz ihrer Symbolik.Man muß nicht alles verstehen, aber man kann alles begreifen.Und manchmal muß man dazu eben die Schuhe ausziehen und barfuß gehen: Andernfalls knirscht das Salz auf dem Boden des Lapidariums nur, ist der Schmerz nicht zu spüren.

Berlinische Galerie im Lapidarium, Hallesches Ufer 78; bis 20.Juni täglich 10 - 20 Uhr.Eröffnung und Preisverleihung heute.

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