Kultur : Auftritt

MARION AMMICHT

Das Bild ging um die Welt.Kaum tanzten die ersten Deutschen auf der Mauer, packte der Cellist Mstislaw Rostropowitsch sein Instrument, eilte nach Berlin, setzte sich mitten in den Trubel und spielte Bach."Das war ein ganz persönliches Gebet", sagt der Russe heute."Ich habe das ganz allein für mich gemacht, voller Hoffnung, daß in meinem Herzen mein eigenes, geteiltes Leben wieder zusammenwächst."

Zehn Jahre später ist Rostropowitsch wieder in Berlin, sitzt zwischen durcheinandergewürfelten Stühlen und verlassenen Notenpulten im Sendesaal des SFB, wo er derzeit Alexander Knaifels "Seligpreisungen" probt, die er heute Abend zusammen mit dem Deutschen Symphonie-Orchester im großen Saal Konzerthauses uraufführen wird.Längst hat sich der mittlerweile 72jährige mit seiner Heimat versöhnt, aus der man ihn Ende der Achtziger wegen seines Engagements für den verfemten Alexander Solschenizyn vertrieb.Wieder im vollen Besitz seiner staatsbürgerlichen Rechte, hat er 1990 Michail Gorbatschow beim versuchten Staatsstreich mit der Kalaschnikow auf den Knien den Rücken gestärkt und dort nach dem gescheiterten Putsch "die drei schönsten Tage meines Lebens" verbracht.Immer wieder witzelte die westliche Presse über Rostropowitschs "moralisches Bekennertum".Für seine Landsleute jedoch ist er ein Held.Und wer den kleinen massigen Mann einmal erlebt hat, wie er spricht, die großen, kräftigen Musikerhände ununterbrochen in Aktion, die babylonische Rede an den entscheidenden Stellen nachdrücklich mit den blumigsten deutschen Metaphern gespickt, kann sich vorstellen, warum der charismatische Musiker für viele seiner Landsleute mehr als ein begnadeter Künstler ist.

"Ich liebe ihn mehr als mein Leben", sagt der usbekische Komponist Alexander Knaifel, der zur Uraufführung seines Werks mit nach Berlin gekommen ist, und lächelt, weil er ahnt, daß solches Pathos in deutschen Ohren zuweilen befremdlich klingt.Auch als Rostropowitsch der Bannfluch der Regierung traf, habe er immer ein "großes Bild des Maestros" in seinem Zimmer hängen gehabt."Eine Heldentat", nennt das Rostropowitsch.Und sehr gerührt sei er davon gewesen, als ihm Freunde davon im Ausland berichteten.Zwei Jahre nur ist Knaifel Rostropowitschs Schüler gewesen, bevor er er wegen eines Handleidens den Unterricht abbrach und ins Kompositionsfach wechselte.Doch alles, was er sei, sei er durch ihn: "Die Begegnung mit Rostropowitsch und seinem Spiel hat mich zum Komponisten gemacht."

In seinen "Seligpreisungen" hat der Komponist seinem Idol nun ein musikalisches Denkmal gesetzt.Rostropowitsch, der Cellist jedoch, der auch auf seinem Instrument, das er immer wieder mit der menschlichen Stimme vergleicht, den pathetischen Ton so liebt, ist da erst ganz zum Schluß zu hören.Am Pult steht Rostropowitsch, der Dirigent, der im Exil über sechzehn Jahre lang das Washington National Symphony Orchestra geleitet hat.Und gerade eben habe er zusammen mit Knaifel den Klavierpart geprobt, erzählt Rostropowitsch, der ausgebildete Pianist, der bis 1982 über 35 Jahre seine Frau, die Sopranistin Galina Wischnewskaja, regelmäßig am Klavier begleitet hat: "Wenige Töne nur sind da zu spielen.Technisch ist das nicht schwer, aber die musikalische Gestaltung ist nicht leicht, weil jeder Ton seine spezifische Bedeutung hat." Alles sei nur aufs Wesentliche beschränkt."Das ist die Faszination dieses Werks.So entfaltet diese Musik ihren unglaublichen hypnotischen Sog." Und dann ist es der Star, der sich erklärt: "Ich liebe sie, diese wundervolle Musik, die Knaifel da für mich geschrieben hat.Darüber, daß er die "Seligpreisungen", "die ein Spiegel meines Lebens sind", nun in Berlin uraufführt, freut sich Rostropowitsch ganz besonders."Hier haben die beiden getrennten Hälften meines Lebens wieder zueinandergefunden, ist zusammengewachsen, was zusammengehört."

Mstislaw Rostropowitsch spielt heute um 20 Uhr mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin im Konzerthaus.

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