Kultur : AUFTRITT

ROMAN RHODE

Auf Fotos möchte die zierliche Künstlerin nicht so sehr ihr Gesicht, sondern am liebsten ihr Werk im Vordergrund sehen.Die Stühle aus Zweigen, vor denen Shirley Paes Leme posiert, wirken allerdings so zerbrechlich, daß jeder Tischler die Nase rümpfen würde: Wer darauf Platz nehmen wollte, purzelte unweigerlich auf den harten Boden."Natürlich sind das keine richtigen Stühle", erklärt Shirley - frei nach dem bekannten Diktum Magrittes.Ihre Objekte verkörperten vielmehr die Idee von Stühlen.Diese Idee wiederum ist aus der Erinnerung geboren.Und so fügt Shirley, ähnlich wie die modernen Dichter der Metapoesie, hölzerne Bruchstücke zu einem sehr persönlichen Memorandum zusammen, das allein von der Ästhetik des Vergänglichen bestimmt ist.

Ihre Kindheit verbrachte die Künstlerin im Landesinnern von Brasilien, zwischen Minas Gerais und Goiás.Dort waren Mond und Kerzen die einzigen Lichtquellen, und das kleine Mädchen spielte mit Holzstäben und Feuer unter Mangobäumen.Diese mit Träumen und Phantasien durchwobene Zeit hat Shirley später in ihrem Kunstschaffen beschworen.Zunächst trug sie alten Ruß, der sich auf Spinnweben unter den Dächern halbverfallener Häuser abgelagert hatte, mit handgeschöpftem Papier ab.Daraus sind ihre "Frozen smoke"-Bilder hervorgegangen, Zeichnungen, die wie ein Rorschach-Test aus Kerzenrauch aussehen.

Doch erst als Shirley an ihrer Dissertation im fernen Berkeley arbeitete, begann sie, auf dem Campus der Universität, wieder Zweige zu sammeln.Seitdem fertigt sie Weltkugelformen aus Holzgestrüpp, bindet kegelartige Hütten zusammen, wie sie von den Ureinwohnern am Amazonas benutzt wurden, oder legt ein Meer aus dicken Ästen aus, in dem eine winzige Flamme brennt.Mit der originellen Formsprache ihrer Objekte und Installationen gilt Shirley Paes Leme inzwischen als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen Brasiliens.Darüber hinaus hat sie in den USA und Polen ausgestellt und war vor zwei Jahren auch bei der Schau "Die Anderen Modernen" im Berliner Haus der Kulturen der Welt vertreten.

Jetzt hat sie der Münchner Galerist Michael Jaspers erneut nach Deutschland eingeladen.Im Berliner Künstlerhaus Bethanien, wo sie ihre Ausstellung vorbereitet, legt Shirley Paes Leme im Gegensatz zu ihren fragilen Gebilden ein äußerst resolutes Wesen an den Tag.Mit fester Stimme erläutert sie die Metaphorik ihrer elementaren Kunst.Holz begreift die Künstlerin als embryonales Stadium des Feuers, die Flamme als Brücke zwischen Wirklichkeit und Vorstellungskraft, und im Rauch sieht sie die Seele vergangenen Lebens, das sich in Erinnerung verflüchtigt.

Brasilien, so führt das Gespräch bei Kaffee und Zuckerrohrschnaps vor Augen, bietet einen ausgezeichneten Humus für Shirleys Paes Lemesromantisch-strenge Arte povera.Zwischendrin fällt plötzlich doch noch eines der Stuhlobjekte in sich zusammen.Die Künstlerin greift zu einer kleinen Zange "made in China" und biegt den Draht zurecht, der die Zweige zusammenhält."Mein wichtigstes Werkzeug", lächelt sie.Aber auch falls die Skulpturen und Zeichnungen der Brasilianerin irgendwann in Rauch aufgehen und das Zeitungsfoto vergilben sollte - ihre Kunst ließe sich glänzend recyceln: als Lyrik in Wort und Schrift.

Eröffnung heute um 20 Uhr im KunstRaum Berlin, Lindower Straße 18.Ausstellung bis 24.Juni (Dienstag bis Freitag, 17-21 Uhr).Außerdem in der Galerie Barsikow bis 15.Juli, Dorfstraße 35 (an Wochenenden)

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