Kultur : AUFTRITT

SANDRA LUZINA

Am Anfang ihrer Laufbahn waren sie Verbündete, nach mehr als zwanzig Jahren stehen die Weggefährtinnen von einst nun in ihrer ersten gemeinsamen Choreographie auf der Bühne. Wenn Reinhild Hoffmann und Susanne Linke sich "Über Kreuz" begegnen, dann kommt dies einem Gipfeltreffen des Tanztheaters gleich. Dann kommt die Tanzgeschichte dieses Jahrhunderts ins Spiel. Nicht nur der Geist der frühen Pioniere des deutschen Ausdruckstanzes schwebt dann über dem Bühnengeschehen. Eine Zeichnung aus dem Skizzenbuch von Mary Wigman wird eingeblendet, die Partitur in der von Laban entwickelten Bewegungsschrift wird als Film den Tanz flankieren.

Der Anstoß zu diesem Projekt kam von Reinhild Hoffmann, die seit 1995 als freischaffende Choreographin in Berlin lebt. "Ich habe mir drei Abende vorgenommen, um drei Grundformen des Tanzes zu untersuchen." Auf ihr Solo "Vor Ort" aus dem Jahr 1997 folgt nun ein Duo, doch es zeichnete sich schnell ab, daß es um mehr geht. "Ich wollte jemanden mit einem ähnlichen Erfahrungshintergrund, und da kam nur Susanne Linke in Frage." Die war sofort begeistert von dem Projekt. "Für uns beide, die wir im gleichen Alter sind und die wir beide schon auf etwas zurückblicken können, ist dies der richtige Zeitpunkt." Angesichts der rasanten Weiterentwicklung im Tanz besinnen sich die beiden Protagonistinnen des deutschen Tanztheaters auf ihre künstlerischen Wurzeln. Susanne Linke kommt aus dem "Stall" von Mary Wigman. Reinhild Hoffmann wurde von Kurt Joos geprägt, der die technikfeindliche Haltung der Wigman nicht teilte und seine Eleven nicht nur in modernem, sondern auch in klasischem Tanz ausbilden ließ. Hoffmann und Linke waren Stipendiatinnen für Choreographie an der Folkwang-Hochschule in Essen, von 1975 bis 1977 leiteten sie gemeinsam das Folkwang-Tanzstudio. "Unsere Lehrer haben uns eins mitgegeben: immer zu fragen, warum man eine Bewegung macht. Wir wurden aufgefordert, eine eigene Sprache zu entwickeln." Diese Suche nach dem persönlichen Ausdruck vermissen sie oft bei einer jüngeren Generation von Choreographen. Reinhild Hoffmann (Jahrgang 1943) inszeniert derzeit häufig für das Musiktheater, Susanne Linke (Jahrgang 1944) leitet zusammen mit Urs Dietrich nun schon in der fünften Spielzeit das Bremer Tanztheater.

Beide zieht es immer wieder auf die Bühne zurück. Auf das Kreuz-Zeichen haben die beiden Choreographinnen sich schnell geeinigt, weil es unterschiedliche Deutungen zuläßt. "Das Achsenkreuz kann als Entscheidungsmoment - in welche Richtung gehe ich - oder als räumliches Moment im Sinne der Mittelpunktsbestimmung gelesen werden", erklärt Reinhild Hoffmann. "Das Diagonalkreuz kann für sich überschneidende Wege stehen. Das Kreuz stellt zudem das simpelste Zeichen für einen Körper dar - Vertikale und Horizontale, das sind zwei Grundelemente, die uns ständig begegnen." "Ich habe zunächst an die christliche Symbolik gedacht, an Leiden, Bürde, Last", wendet Susanne Linke ein, "doch das Kreuz verweist auch auf die Grundbedingung für Kraft-Verhältnisse." Mit Blick auf ihre Partnerin fügt sie hinzu: "Reinhild ist die Vertikale, ich bin die Horizontale. Sie hält und trägt gern, ich schwebe gern." In dem gleichberechtigten Prozeß, auf den sie sich eingelassen haben, sind Reinhild Hoffmann und Susanne Linke füreinander Spiegel und kritische Instanz. Zwei künstlerische Temperamente treffen hier aufeinander, in Detail-Fragen kommen da schon mal unterschiedliche Sichtweisen zum Vorschein. Was die beiden Tänzer-Choreographinnen verbindet, ist ein verwandter Geist. Und spürbar - ob auf der Bühne oder beim gemeinsamen Gespräch - ist der Respekt voreinander. Für Reinhild Hoffmann ist dies die entscheidende Erfahrung: wie sich das Andersartige unter einem gemeinsamen Nenner begegnen kann.

"Über Kreuz" von und mit Reinhild Hoffmann und Susanne Linke, 11. bis 13. Juni, 20 Uhr im Hebbel-Theater

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