Kultur : Aufwertung der Kampfzone

Frank Noack

Chronisch unpünktliche Zuschauer seien vorgewarnt: Wer die ersten Minuten von "Chaos" versäumt, hat den halben Film verpasst. Was heißt Minuten? Nur ein paar Sekunden benötigt Coline Serreau, um alles Wesentliche über Paul (Vincent Lindon) und Hélène (Catherine Frot) mitzuteilen. Die beiden sind ein gut situiertes Ehepaar, das sich für einen Empfang zurechtmacht. Verliebt wirken sie nicht gerade. Ihr Alltag funktioniert reibungslos. Fast reibungslos: Hélène ist ihrem Gatten nicht schnell genug - erstes Anzeichen dafür, dass sie sich der ehelichen Routine bald widersetzen wird.

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"Chaos" beginnt als Komödie. Doch der Ton ändert sich schnell. Eine junge Frau läuft dem Paar vors Auto. Todesangst steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie bittet Paul um Hilfe; der verschließt alle Türen. Die Frau wird von drei Zuhältern halbtot geschlagen. Als die Täter geflohen sind, greift Paul nach den Papiertaschentüchern, und der Zuschauer atmet auf. Dieser Mann ist doch nicht so schlecht, er hatte nur Angst. Bestimmt wird er der überfallenen Frau jetzt helfen. Aber für sie waren die Tücher nicht gedacht. Die Windschutzscheibe ist voller Blut. Statt zur Polizei fährt Paul zur nächsten Autowaschanlage. Männer sind Schweine.

Weil sie sich schuldig fühlt, sucht Hélène die verletzte Frau im Krankenhaus auf. Noémie (Rachida Brakni) kann seit dem Überfall weder gehen noch sprechen, und Hélène tauscht ihre bislang nutzlose Existenz gegen die sinnvolle einer Physiotherapeutin aus. Später wird sie Noémie im Kampf gegen ihre Missetäter unterstützen. Währenddessen verwahrlost der Haushalt. Paul und der verwöhnte Sohn sind nicht in der Lage, sich ein Brot zu schmieren.

Was die Geschlechterfrage betrifft, ist Regisseurin Coline Serreau schon lange Expertin: Hatte sie in "Drei Männer und ein Baby" (1985) noch suggeriert, Männer seien die besseren Frauen, so stellt sie hier das männliche Geschlecht in seiner Unselbständigkeit bloß. Immerhin auf liebevolle Art. Voll Hass blickt sie dagegen auf jene Männer, die Frauen in die Prostitution zwingen. Der heikelste Abschnitt des Films ist eine lange Rückblende, die Noémies Leidensweg schildert. Hier sind sie alle verabscheuungswürdig: Der Vater in Algerien, der seine Tochter an den Meistbietenden verkauft; Noémies geldgierige Brüder, schließlich die Zuhälter, die die Widerspenstige einer Gruppenvergewaltigung unterziehen.

Eigentlich eine überladene Story. Nicht nur, dass erschütternde und witzige Momente sich ablösen; es wird auch einiges doppelt erzählt. Fabrice ist eine Zweitausgabe seines Vaters Paul, er führt zwei junge Frauen an der Nase herum, die sich jedoch gegen ihn solidarisieren. Neben den Geliebten werden die Mütter ausgenutzt; so gesehen ist Hélène eine Leidensgenossin von Pauls Mutter (Line Renaud). Und Noémies jüngerer Schwester droht obendrein das gleiche Schicksal.

Gegen Ende hält Noémie einen Vortrag, in dem sie die Situation der Frau in islamischen Ländern anprangert. Auch das funktioniert. Serreaus Film mag überambitioniert sein, aber er bewahrt sich eine sympathische Leichtigkeit. Mit Catherine Frot und Vincent Lindon standen ihr zwei begnadete Komödianten zur Verfügung; zur Belohnung gab es kürzlich ein halbes Dutzend César-Nominierungen. Warum läuft "Chaos" nicht im Wettbewerb?!

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