• Aufwertung durch die neuen Master- und Bachelorstudiengänge - bald auch Sprachen, Jura und Pharmazie?

Kultur : Aufwertung durch die neuen Master- und Bachelorstudiengänge - bald auch Sprachen, Jura und Pharmazie?

Uwe Schlicht

Die Fachhochschulen stehen vor einer großen Aufwertung. Sie werden mehr Fächer bekommen als je zuvor - und sie fordern mit den neuen Bachelor- und Master-Studiengängen die Universitäten heraus. Am liebsten hätten die Universitäten den Mastertitel für sich reserviert, aber die Kultusminister haben entschieden, dass auch gute Fachhochschulen Masterstudiengänge anbieten dürfen.

Damit wird den Fachhochschulen eine ganz andere Profilierung als bisher ermöglicht. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Winfried Schulze, hat dies jüngst unmissverständlich erklärt: "Die formalen Unterscheidungen zwischen den Hochschularten werden an Bedeutung verlieren, zugunsten von Profilbildung und Differenzierung." Und mit Blick auf die Universitäten fährt Schulze fort: Die "klassische Aufgabentrennung zwischen den beiden Hochschularten" werde "an Prägekraft verlieren".

Noch sind die Fachhochschulen nicht ausreichend darauf vorbereitet, in den neuen Studiengängen mit den englisch-sprachigen Titeln Bachelor und Master auch den größten Teil der Lehre in Englisch anzubieten. Das gilt sowohl für den Lehrkörper als auch für die Studenten - meint Günter Siegel. Siegel ist Vorsitzender des Hochschullehrerbundes, der bundesweiten Vertretung der Fachhochschulprofessoren. Es gibt aber noch einen anderen Grund: Die Absolventen der Fachoberschulen und Gymnasien beherrschen bei der Aufnahme des Studiums noch nicht die Fachbegriffe, um den Lehrveranstaltungen in englischer Sprache wirklich folgen zu können. Daher wird an den Fachhochschulen das kurze Bachelor-Studium vorwiegend in Deutsch angeboten.

Ganz anders soll es in den Masterstudiengängen zugehen, die auf dem Bachelorabschluss aufbauen. Dort dürfte bald überwiegend in Englisch unterrichtet werden, zumindest aber zu gleichen Teilen in Deutsch und Englisch. Die Abschlussarbeit beim Master ist in Englisch zu verfassen, fordert Günter Siegel. Das sei die beste Vorbereitung auf den internationalen Wettbewerb.

Eine solche sprachliche Neuorientierung hat Folgen für den Lehrkörper. Wenn deutsche Professoren zur Zeit noch nicht in der Lage sind, in fließendem Englisch in den Masterstudiengängen zu lehren, dann müssten Professorenstellen für die Masterstudiengänge auch im europäischen Ausland ausgeschrieben werden, damit man Wissenschaftler aus England berufen kann. "Native speaker" sind gefragt.

Der Wissenschaftsrat plant, mittelfristig die deutschen Abschlüsse Magister und Diplom durch die neuen Abschlüsse Bachelor und Master zu ersetzen. Eine solche radikale Neuorientierung ist unter den Fachhochschulprofessoren umstritten. Das ist jedenfalls die Einschätzung von Günter Siegel. Die Fachhochschulen werden sehr stark von den Technikern geprägt, die sich noch an die Zeiten erinnern, als das deutsche Diplom bei den Ingenieuren weltweit einen guten Ruf besaß. An der Qualität des Diploms gibt es nach wie vor nichts auszusetzen, aber nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Dominanz der Amerikaner und Engländer dazu geführt, dass im Ausland Bachelor und Master bekannter sind.

Trotz aller Bereitschaft zur Aufwertung haben sich die Kultusminister nicht dafür entscheiden können, alle Unterschiede zwischen den Fachhochschulen und den Universitäten zu beseitigen. Am Titel wird man nach wie vor erkennen, ob der Bachelor und Master an einer Fachhochschule oder an einer Universität erworben worden ist. So heißt der Bachelor oder Master in der Informatik an einer Fachhochschule Bachelor in Computer Science, an der Universität ist es dagegen der Bachelor oder Master of Science. An den Fachhochschulen wird der Bachelor oder Master in Engineering vergeben, an den Universitäten heißen auch die Ingenieure Master of Science. Das ist für Siegel nur schwer hinzunehmen. Hatten die Fachhochschulen doch darauf gehofft, dass bei gleichen Studiengängen auch gleiche Titel vergeben werden.

Das Erfolgsrezept der Fachhochschulen ist die Verschulung. Sie aber wird vom Vorsitzenden des Wissenschaftsrats kritisch gesehen. Angesichts der Entwicklung der Masterstudiegänge fordert Winfried Schulze die Fachhochschulen auf, die Kleingruppen der Studenten weniger als Schulklassen mit Frontalunterricht zu organisieren, sondern eher wie Seminare. Dabei sollten an die Stelle von passivem Lernen aktive Formen des projektorientierten Arbeitens treten.

Dass begabte Fachhochschulabsolventen anschließend den Doktor an den Universitäten erwerben können - diese Regelung ist für die Fachhochschulen unbefriedigend. Denn nach wie vor legen die Universitäten den FH-Absolventen nahe, doch zuvor noch schnell das Universitätsdiplom zu erwerben. Neue Hoffnung haben die Fachhochschulen geschöpft, nachdem die Hochschulrektorenkonferenz erklärt hatte, der Masterabschluss solle künftig direkt den Zugang zur Promotion ermöglichen. Wenn sich die Universitäten daran halten, dann brauchten die Fachhochschulen auch in Zukunft kein eigenes Promotionsrecht.

Mit der Aufwertung ist auch eine Erweiterung des Fächerangebots an den Fachhochschulen verbunden. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrats fordert vor allem neue Angebote in sprach- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen. Wirtschaftsrecht und Wirtschaftspsychologie sind neu entwickelte und in einigen Fachhochschulen erfolgreich angebotene Studiengänge - in Berlin gibt es sie noch nicht. Günter Siegel denkt daran, die Juristenausbildung stärker an die Fachhochschulen zu verlagern, weil die Jurastudenten an den Universitäten bei der Orientierung auf die Praxis ohnehin auf den Besuch teurer Repetitorien angewiesen sind. Auch die Pharmazie hält Günter Siegel als geeignet für eine Verlagerung an die Fachhochschulen. Ebenso sei in der Lehrerbildung einiges machbar: Eine Kooperation mit der Technischen Universität in der Ausbildung der Berufsschullehrer sei eine sinnvolle Ergänzung des Fächerspektrums.

Neue Fächer benötigen mehr Raum. Nach wie vor sind die Fachhochschulen weit entfernt von dem Ausbauziel, das ihnen von Politikern und vom Wissenschaftsrat versprochen worden ist. 40 Prozent der Studienanfänger sollen eines Tages an den Fachhochschulen aufgenommen werden. Zurzeit sind es in Berlin nur 28 Prozent, in anderen Bundesländern knapp über 30 Prozent. Da ist noch viel zu tun.

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