Aufzeichnungen von John Lennon : Yoko Ono muss zum Zahnarzt

Die Beatlemania bringt manchmal schon seltsame Blüten hervor: Auf 400 Seiten versammelt Hunter Davies in "The John Lennon Letters" so ziemlich alles, was vom legendären Musiker schriftlich überliefert ist. Bis hin zu Notizen an seinen persönlichen Referenten, dass ein Haken im Badezimmer abzufallen drohe. Viel neues über den Kopf der Beatles erfährt man nicht, dennoch macht das Blättern Spaß

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Vor 30 Jahren geriet die Familie von Sandra Clark in eine prekäre Situation. Sowohl die Waschmaschine als auch der Herd gaben ihren Geist auf, für Reparaturen war nicht genug Geld da. Also entschloss sich die verheiratete Mutter von drei kleinen Kindern zu einer ungewöhnlichen Aktion. Sie ließ einen Brief versteigern, den ihr John Lennon 1963 geschrieben hatte. Darin bedankt er sich handschriftlich für ihren Fan-Brief und das Lob für die Band. Außerdem bejaht er die Frage, ob er verheiratet sei und fügt hinzu, auch einen kleinen Sohn zu haben. „Ich hoffe, das wird dich nicht davon abhalten, mich zu mögen“, schreibt der Sänger und schließt mit einer Reihe von „x“-Küssen, „nur für Dich“.

Der Brief ging für 440 Pfund an einen Japaner. Sandra und ihr Mann Frank kauften eine neue Waschmaschine und zahlten einen Herd an. Heute wären die auf auf dem Briefpapier des Beatles Fan Clubs geschriebenen Zeilen deutlich mehr wert. 10 000 bis 15 000 Pfund (bis zu 18400 Euro) schätzt Hunter Davies, der diesen neben 283 weiteren Briefen für sein Buch „The John Lennon Letters“ zusammengetragen hat.

Wobei er die Definition des Begriffs Brief „ziemlich erweitert“, wie er in der Einleitung zugibt. Tatsächlich handelt es sich um eine mit Akribie erstellte Schnipselsammlung, die Autogramme Buchwidmungen, Notizen, Einkauflisten, Postkarten, Zeichnungen und Liebesbriefe umfasst. Der äußerst disparate Charakter dieses großformatigen 400-Seiten-Klotzes führt zu einem ambivalenten Leseerlebnis. Das Buch wirkt mal wie ein Auktionskatalog, mal wie der faksimilierte Inhalt einer Altpapiertonne und dann wieder wie ein intimer Einblick ins Privatleben des Beatles-Gründers.

Es entsteht keine grundsätzlich neue Sichtweise auf John Lennon, es werden auch keine spektakulären Details enthüllt. Größtenteils verstärkt „The Lennon Letters“ bereits Bekanntes. So zeigt sich etwa der berühmte schräge Humor des Musikers auch auf Papier und nicht nur auf der Bühne oder in Interviews. Schon als Schuljunge bastelt Lennon eigene Büchlein und Zeitschriften. Am ausgefeiltesten ist der „Daily Howl“, den er in seiner High- School-Zeit mit Zeichnungen, Scherzen und Spottgedichten auf Lehrer füllt. Lennons 1964 und 1965 veröffentlichte Bücher „In His Own Write“ und „A Spaniard in the Works“ sind quasi Fortsetzungen dieser frühen Arbeiten.

Der funkelnde Witz des Liverpoolers schlägt sich ebenfalls in seinen Briefen nieder. Während des ersten Beatles-Engagements in Hamburg schrieb Lennon einmal an George Harrisons Mutter und bediente sich dabei eines übertriebenen deutschen Akzentes: „We’ve moit stay yet another moons in Hitlar and have many money and we moit spend him tooo“, schrieb er in großen Druckbuchstaben. Wortspiele, wilde Assoziationen und Stream of Consciousness-Passagen finden sich immer wieder in Lennons Briefen an Freunde.

Seine ernste Seite spiegelt die Korrespondenz mit der Familie. Ein zentrales Dokument ist der Brief, den John Lennon am 1. September 1967 an seinen Vater schreibt. Alfred Lennon war einst zur See gefahren. Als John fünf Jahre alt war, verschwand er aus dessen Leben und arbeitete als Tellerwäscher. Kurzzeitig hatte er auf recht unwürdige Weise versucht, vom Ruhm seine Sohnes zu profitieren. Kontakt hatten die beiden, abgesehen von einem kurzen Treffen, nicht. Erst als Beatles-Manager Brian Epstein stirbt und Alfred Lennon einen Kondolenzbrief schickt, ändert sich das. John Lennon antwortet auf einer Seite mit fahriger Schrift. Die erste Zeile lautet: „Lieber Alf Fred Dad Pater was auch immer, das war der erste Brief von Dir, den ich ohne komische Gefühle gelesen habe – also kommt hier meine Antwort, o.k.?“

Es ist der Beginn einer neuen Phase in ihrer Beziehung. John lässt Alfred bei sich wohnen, mietet ihm dann eine Wohnung und unterstützt dessen Ehepläne mit der 35 Jahre jüngeren Pauline. Später zahlt er sogar die Rechnungen der beiden. Hunter Davies, der damals an der einzigen autorisierten Beatles-Biografie arbeitete, befördert diese Entwicklung, indem er den abgetauchten Alfred Lennon ausfindig macht und ihm sagt, dass sein Sohn sich gerne mit ihm treffen würde.

Ein Großteil des Materials in „The Lennon Letters“ fällt in die Post-Beatles- Phase des Musikers, der inzwischen auch viel mit der Schreibmaschine schreibt. Die Unterschrift lautet meist John + Yoko, daneben eine stilisierte Zeichnung seines und ihres Kopfes. Seltsamerweise enthält der Band jedoch keinen einzigen Brief, keine einzige Notiz oder Zeichnung von Lennon für Yoko Ono. Davies erklärt das damit, dass die beiden einander kaum geschrieben hätten, da sie fast immer zusammen waren und ansonsten ständig miteinander telefonierten. Die wenigen Briefe, die es gab, gingen laut Davies verloren oder wurden gestohlen. Man mag angesichts der Fülle von Schriftstücken, die der Herausgeber bei seiner Schnitzeljagd gesammelt hat, nicht recht glauben, dass wirklich kein einziger Fetzen erhalten ist. Vielleicht wollte sich Yoko Ono – obwohl sie dem Projekt ihren Segen gab – einfach ein Stückchen Intimität bewahren.

Dafür kann man sich nun aus den gesammelten Einkaufslisten und Anweisungen für die Angestellten einige Details aus dem Alltag des Promi-Pärchens im New Yorker Dakota Building zusammenpuzzeln: Gegessen wurden Bioprodukte, Cornflakes und Himbeermarmelade, die Katzen bekamen verschiedene Futtersorten, ständig gab es Probleme mit Lautsprechern, TV- oder Radiogeräten, und Yoko Ono musste daran erinnert werden, zum Zahnarzt zu gehen. Besonders brisant ist Punkt 11 einer langen Liste gegen Ende des Buches: „Der Haken an der Tür in unserem Badezimmer fällt ab“, vermerkt John Lennon. Welch eine Entzauberung! Ein Mitglied der Band, die einst „populärer als Jesus“ (J. L.) war, muss sich mit solchen Banalitäten herumschlagen. Andererseits wären Notizen dieser Art wohl nur von wenigen anderen Menschen jahrzehntelang erhalten geblieben und in einem Buch abgedruckt worden. Die Beatlemania, sie zuckt noch immer. Hoffentlich heftet Paul McCartney seine Einkaufszettel schön ab.

Hunter Davies (Hg.): The John Lennon Letters. Erinnerungen in Briefen. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Werner Roller. Piper Verlag. München, Zürich 2012. 416 S., 39,99 €.

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