Kultur : Auge um Auge

Immer weniger Todesurteile werden in den USA verhängt –und immer weniger vollstreckt

Christoph von Marschall

Heute soll Robin Lovitt durch die Giftspritze sterben, bei der 1000. Hinrichtung seit 1976, als die r Todesstrafe in den USA wieder eingeführt wurde. Nur Viginias Gouverneur Mark Warner kann Lovit noch begnadigen. Aber Warner ist gespalten. Als gläubiger Katholik mag er weder Abtreibung noch die Todesstrafe akzeptieren. Virginia ist jedoch ein Südstaat mit traditioneller Mehrheit für Exekutionen – weshalb Warner bisher keine Hinrichtung verhindert hat. Sein Nachfolger ist freilich schon gewählt. Setzt Warner zum Ende der Amtszeit ein Zeichen?

Der Trend in Amerika ist unverkennbar: Immer weniger Todesurteile werden verhängt und immer weniger vollstreckt. Wenden die USA sich von der Todesstrafe ab, wie schon zwei Mal im 20. Jahrhundert? Vor gut 100 Jahren hatten viele Einzelstaaten die Todesstrafe abgeschafft, Psychologie und Erbforschung sorgten für eine Revolution des Strafrechts. Doch in den Zwanzigerjahren nahm die Kriminalität stark zu, die Prohibition machte das Geschäft mit illegalem Alkohol zu einer Goldgrube, die Mordrate verdoppelte sich – die Todesstrafe kehrte zurück.

Ähnlich war es zwischen 1967. Die Bürgerrechtsbewegung sowie die Liberalisierung im Strafrecht und im Gerichtswesen beendeten die Exekutionen: 1972 erklärte das Oberste Gericht Todesstrafen-Gesetze der Einzelstaaten für verfassungswidrig. Doch es war der falsche Moment. Anfang der Siebziger häuften sich die Straßenunruhen, die Mordrate stieg bis zur Größenordnung der Prohibitionszeit, unter dem Druck der Öffentlichkeit führten viele US-Staaten die Todesstrafe wieder ein. Die neuen Gesetze berücksichtigten die Einwände des Obersten Gerichts.

2004 wurden 125 Todesurteile verhängt, 1996 waren es noch 320. 50 Menschen wurden im letzten Jahr hingerichtet, die niedrigste Zahl seit langem. Das Oberste Gericht hat die Exekution Jugendlicher und geistig Behinderter verboten. Unter dem Eindruck von Justizirrtümern – DNA-Analysen bewiesen die Unschuld Verurteilter – hat George Ryan, Gouverneur von Illinois, 2003 alle 156 Todeskandidaten dort begnadigt.

Auch das Urteil gegen Lovitt in Virginia hat Schwächen. Es steht außer Zweifel, dass er beim Kassenraub einen Mann tötete; doch das Beweismaterial ist verschwunden. Amerika ist wieder in einer Phase der allmählichen Abwendung von der Todesstrafe. Ihre offizielle Abschaffung bleibt trotzdem unwahrscheinlich.

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