Kultur : Augen, Blicke

Sie ist die Ikone des französischen Films. Doch wer ist Isabelle Huppert? Eine Foto- Suche bei c/o Berlin

Christina Tilmann

Manchmal ist ihre Haut durchsichtig, wie eine hauchdünne Schicht Pergament, mit lustigen kleinen Sommersprossen darauf. Jeder Blick, denkt man, schneidet durch diese Haut, bis direkt durch zur Seele, und muss dabei notwendigerweise verletzen. Es scheint zudringlich genug, ihr einfach ins Gesicht zu blicken.

Manchmal aber ist das Gesicht auch marmorglatt, makellos und undurchdringlich. Jeder Blick, denkt man, muss daran zurückprallen. Hinter diese schöne Fassade dringt keiner vor. Und ihre Geheimnisse hütet sie gut.

Ein „wehrloses Gesicht“ hat Elfriede Jelinek dieses Gesicht genannt, weil es die eigenen Widersprüche, den Kampf mit dem eigenen Bild so offen und schutzlos vor sich herträgt. Etwas Zerstörerisches hat Regisseur Patrice Chéreau in ihr erkannt, wie der Blick antiker Gottheiten, denen man nicht ungestraft in die Augen sehen durfte. „Isabelle ist ein Abgrund, um den herum sie uns schreiben lässt.“

Nun steht dieser Abgrund, diese für ihre Strenge, ihre Kompromisslosigkeit berühmte, fast gefürchtete Schauspielerin in der Lounge der privaten Fotogalerie c/o Berlin, bei der Eröffnung der aus dem New Yorker P.S 1 übernommenen Fotoausstellung samt dazugehörigem Bildband (Knesebeck-Verlag) – und sieht weder wehrlos noch besonders gefährlich oder rätselhaft aus, eher vergnügt. Elegante schwarze Hose und Blazer, die rötlichen Haare offen und glatt: Isabelle Huppert bedankt sich freundlich bei den Ausstellungsmachern, radebrecht „Guten Abend“ auf Deutsch, hält geduldig stand im Blitzlichtgewitter und extemporiert dann, in wenigen Sätzen nur, eine Philosophie der Schauspielerei und der Fotografie und der Wechselwirkungen zwischen beiden, spricht von Muse und Medium und jener Durchlässigkeit, mit der der Blick jedes Fotografen sein eigenes Bild formt.

Dann geht man hinunter in die Ausstellungsräume und sieht: hundert Bilder. Hundert Rollen. Hundert mal dasselbe Gesicht, und doch nie gleich. Alle Fotokünstler dieser Welt haben sich an diesem Gesicht versucht, das so klar scheint und so kompliziert ist, von Henri CartierBresson und Robert Doisneau über Richard Avedon und Robert Frank bis zu William Eggleston, Lucien Hervé und Annie Leibovitz, Nan Goldin und Bettina Rheims. Man könnte eine Fotografiegeschichte des 20. Jahrhunderts schreiben, anhand dieser Bilder – und eine Geschichte des notwendigen Scheiterns dazu. Denn es sind wunderbare Bilder, keine Frage, Bilder auch, die die Eigenart jedes Fotografen hervortreten lassen. Das Rätsel Isabelle Huppert lösen sie nicht.

Die französische Schauspielerin gehört zu jenen, die man sofort erkennen würde, stünde man ihnen auf der Straße – oder, wie am Freitagabend, im völlig überfüllten Treppenhaus der Berliner Fotogalerie – gegenüber. Auf ihren Bildern jedoch sieht man: eine Chamäleon-, eine Proteus-Frau, durchsichtig wie Wasser, wandelbar in tausend Gestalten. Man sieht die junge Romantikerin, die mit Katze im Arm posiert, etwas schüchtern, sehr weltfremd, auf den Fotos von Édouard Boubat. Das verträumte Mädchen, das am Daumen kaut, das Robert Doisneau auf den Straßen von Paris beobachtet hat. Einmal, eine wunderbare Szene bei Doisneau, steht sie an der Bar, der Barkeeper gießt ihr Rotwein ein, und alle Männer um sie herum blicken auf sie, wohlwollend und doch taxierend. Ihr eigener Blick, wie eine Schnur gespannt, hält die Szene zusammen.

Und weiter, aus dem gleichen Jahr: Die Melancholikerin, im weißen T-Shirt, steht bei Josef Koudelka neben einem Akkordeonspieler auf der Straße und blickt starr ins Nichts. Später wechseln die Rollen: Helmut Newton, Peter Lindbergh oder Juergen Teller inszenieren die kühle Modegöttin, Nan Goldin die Freundin in der Bar, Lise Sarfati die einsame, verlorene Frau. Und Patrick Faigenbaum 2005 die große Trauernde, mit dem müden, stumpfen Blick.

Beim Rundgang kommen unweigerlich auch die Filmrollen wieder in Erinnerung, der weiche Liebreiz der „Spitzenklöpplerin“, die Eleganz der Emma Bovary, der zerstörerische Selbsthass der „Klavierspielerin“, oder zuletzt, der Befreiungskampf der „Gabrielle“ bei Chéreau, der Ehrgeiz der Untersuchungsrichterin Jeanne Charmant-Killman aus Chabrols „L’ivresse du pouvoir“, der vor wenigen Wochen auf der Berlinale lief. Damals kam auch Isabelle Huppert zur Vorstellung nach Berlin, auch schon im November, als sie mit Sarah Kanes letztem Stück „4.48 Psychosis“ im Haus der Berliner Festspiele gastierte, und nun wieder. Sie kommt gern her, gibt sie zu.

Die Frau mit den vielen Gesichtern: Patrice Chéreau hat Isabelle Huppert mit Greta Garbo verglichen, auch Bob Wilson hat sie, in einer Video-Installation, als Garbo inszeniert, den Kopf zwischen die Arme gestützt, eine Ikone, ein Rätselgesicht. Noch spannender jedoch: der Videokünstler Gary Hill hat sie beim Proben, Probieren beobachtet. Huppert blickt abwechselnd in die Kamera und in den Spiegel, beides wird nebeneinander projiziert, Kamerabild und Spiegelbild. Man sieht, wie sie ihre Miene zurechtlegt, das Zucken eines Mundwinkels übt, den Anflug eines Lächelns, dann wieder wird der Kopf nur ein wenig gehoben, und schon ist Distanz da, Überlegenheit.

Der japanische Fotograf Hiroshi Sugimoto schließlich hat sie fotografiert, allein im Kino. Vorne, groß, weiß und beherrschend ist die Leinwand, und in der ersten Reihe, sehr klein, sehr allein, die Frau. Angst vor der Leere? Oder, besser, das Feld unendlicher Möglichkeiten.

In weiter Ferne so nah. Isabelle Huppert im Porträt. c/o Berlin, Linienstr. 144, bis 16. April, täglich 11 bis 19 Uhr. Am heutigen Sonntag diskutiert Isabelle Huppert mit dem Modefotografen Juergen Teller, moderiert von Ingeborg Harms (c/o Berlin, 15 Uhr, ausverkauft)

Isabelle Huppert im Porträt, Knesebeck Verlag, München 2006, 168 Seiten, 122 Abbildungen, 29,95 Euro.

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