Kultur : Augen der Hoffnung

Am Sonntag beginnt die Vorbesichtigung zur Herbstauktion in der Villa Grisebach

Michaela Nolte

Dass Alexej Jawlenskys „Äpfelstillleben mit violettem Krug und Figur“ die drei Millionen Dollar übertrumpfen wird, die sein „Junges Mädchen mit den grünen Augen“ jüngst in New York erzielte, ist wenig wahrscheinlich. Doch vielleicht beflügelt das Rekordergebnis auch das Spitzenlos der diesjährigen Berliner Herbstauktionen, das die Villa Grisebach mit 400 000 bis 600 000 Euro veranschlagt. In der Synthese von impressionistischem Duktus und fauvistischer Farbigkeit versprühen Äpfel, Krug und Pflanzen eine betörende Lebendigkeit, die von der Figur mit fließenden Bewegungen des Ausdruckstanzes unterstrichen wird. Nicht nur der Farbenreichtum und die Komposition des um 1908 entstandenen Stilllebens bestechen, sondern auch seine Provenienz: nachdem es zunächst im Besitz von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky war, gehörte es später zur Sammlung des Kunstkritikers Will Grohmann. Das hochkarätige Angebot des Münchener „Blauen Reiters“ runden vier weitere Arbeiten Jawlenskys (Taxen zwischen 35 000 und 300 000 Euro) ab, sowie eine Gouache von Kandinsky (Taxe 180 000 - 220 000 Euro) und Münters lyrischer „See am Ostertag“, der für 100 000 - 150 000 Euro dem Markt zum ersten Mal zur Verfügung steht.

Insgesamt ist das Angebot der Villa Grisebach weniger museal und hochpreisig als zur 100. Auktion in diesem Frühjahr, dennoch scheint das gute Ergebnis der Jubiläumsveranstaltung mit 15 Millionen Euro Bruttoumsatz auch Einlieferer animiert zu haben. Der Katalog mit Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts fällt mit 381 Losen so reichhaltig aus, dass die Sonnabend-Auktion zum ersten Mal nur diesem Segment gewidmet ist. Zu zahlreichen Originalen des deutschen Impressionismus und Expressionismus gesellen sich Werke der zweiten Moderne von Carl Hofer, Werner Heldt, Sam Francis oder Serge Poliakoff. Daneben kommen auch die Liebhaber exquisiter Druckgrafik auf ihre Kosten. Im Mittelpunkt steht ein Konvolut von 70 Blättern aus dem Nachlass des Breslauer Rechtsanwalts Ismar Littmann (Taxen zwischen 2500 und 25 000 Euro). 1914 schrieb Max Beckmann, der mit Künstlern wie Otto Dix, Lovis Corinth und Erich Heckel in der Sammlung vertreten ist, aus dem Ersten Weltkrieg an seine Frau Minna: „Ich habe gezeichnet, das sichert einen gegen Tod und Gefahr“. Gegen den Faschismus war Ismar Littmann dennoch nicht gefeit – 1934 beging der bedeutende Förderer moderner Kunst Selbstmord.

Bei einem gesamten Auktionsvolumen von zehn Millionen Euro bieten die 93 ausgewählten Werke, die am Freitagnachmittag versteigert werden, achtzehn Lose im sechsstelligen Preisniveau, wo das 19. Jahrhundert mit Carl Spitzwegs „Ständchen“ (Taxe 250 000 - 350 000 Euro) lockt, aber ebenso mit einer kleinen Variation von Walter Leistikows „Grunewaldsee“ (Taxe 50 000 - 60 000 Euro. Die größere Ausführung in der Nationalgalerie zog aufgrund der autonomen Naturauffassung den Unmut Kaiser Wilhelms II. auf sich und führte 1898 zur Gründung der Berliner Sezession. Von Emil Nolde werden zehn Arbeiten auf Papier aufgerufen, darunter der „Frauenkopf mit blauen Augen und rot-goldenem Haar“, dessen Preis zwischen 100 000 und 150 000 Euro geschätzt wird. Der Dresdener Arzt Frederik Gottlieb, dem Nolde nach dem 1938 gegen ihn ausgesprochenen Arbeitsverbot Werke anvertraut hatte, rettete diese ins Schweizer Exil. Als Dank schenkte der Künstler ihm das kraftvoll leuchtende Blatt.

Die Nachkriegs- und Gegenwartskunst führen preislich Ernst Wilhelm Nay „Mit festlichem Blau“ (Taxe 150 000 - 200 000 Euro) und Georg Baselitz’ „Orangenesser“ (Taxe 280 000 - 320 000 Euro) an. Den Auftakt der dreitägigen Auktionen macht am kommenden Donnerstag aber die Fotografie. Karl Blossfeldt, dessen pflanzliche „Urformen der Kunst“ die fotografische Neue Sachlichkeit begründeten, ist mit einem „Winterschachtelhalm“ und dem seltenen Exemplar einer „Seidenpflanze“ vertreten. Mit geschätzten 35 000 - 45 000 Euro bildet dieser auf 1915 bis 1925 datierte Vintage Print die Preisspitze, gefolgt von einem originalen Kontaktabzug aus Paul Strands „Gaspé“-Serie. Für die 1936 entstandene und knapp 12 mal 15 Zentimeter kleine Aufnahme wird ein Preis zwischen 28 000 und 32 000 Euro erwartet. Ein wahres Kleinod ist das vergleichsweise günstige, aber entzückende Polaroid „Sign Detail“ von Walker Evans (Taxe 5000 - 7000 Euro). Neben Architekturfotografie der Zwanziger- und Dreißigerjahre (Taxen zwischen 800 und 8000 Euro) von Werner Mantz, Lucia Moholy und Iwao Yamawaki bietet das Angebot an künstlerischer Fotografie reizvolle Arbeiten von André Kertész, Paul Outerbridge jr. und Joseph Sudek.

Villa Grisebach, Fasanenstraße 25, Auktionen: 28. bis 30. November. Vorbesichtigung: 24. bis 27. November, Sonntag / Montag 10-18 Uhr 30, Dienstag 10-20 Uhr, Mittwoch 10-17 Uhr.

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