Kultur : Augen zu und durch

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Vier Lösungsvorschläge für das Mitternachtsproblem Im vorletzten Jahr wollte ich Ohropax, 80erJahre-Ohrenschützer, Fellmütze und Muslima-Kopftuch kombinieren, doch die Eitelkeit hielt mich davon ab. Vergangenes Jahr hatte ich überlegt, mir weichen Teig in die Ohrmuscheln zu stopfen. Aber ich kann nicht backen, und Fertig-Teig mochte ich nicht kaufen. In diesem Jahr werde ich einfach nicht ausgehen. Dann kann mich auch keiner vollböllern. Das ist zwar schade, weil man auf Silvesterpartys üblicherweise umsonst an ein paar Küsse kommt. Doch ich habe einfach keine Lust auf den Nahkampf in den Straßen, das ist nichts für meine hochempfindlichen Luchs-Ohren, die sogar hören, wenn der Nachbar von gegenüber einen neuen Wechselkopf auf die Zahnbürste schraubt. Darum sammle ich seit ein paar Monaten Champagnerflaschen und werde mir in der Silvesternacht mit dem Schampus und einem Stapel Slim Gaillard-Platten zu Hause ein paar heiße Stunden gestalten. Slim Gaillard ist so eine Art schwarzer Helge Schneider, nur schon 60 Jahre früher und auf Englisch und noch 17,5 mal lustiger. Genau das Richtige gegen das tumbe Feuerwerk, von dem nicht nur arme kleine Hunde und einsame alte Leute Kopfschmerzen bekommen. Jenni Zylka

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Was machst du Silvester? Zwischen den Jahren gibt es keine andere Frage, die so häufig gestellt wird. Fragt sie der Kindergartenfreund in Schöppenstedt oder Bad Münder, heißt es aufpassen: Hier will jemand zu Besuch kommen, einen draufmachen in der Hauptstadt. Als Alteingesessener gilt es, dagegenzuhalten. Als Berliner zieht es einen in der letzten Nacht des Jahres gemessenen Schrittes in eine der ältesten Bars am Platz – die Schnabelbar in der Oranienstraße 31 (Kreuzberg). Dreizehn Jahre war der „Schnabel“ ein Talentschuppen. Hier hat DJ Tomekk angefangen (der jetzt mit internationalen HipHop-Größen zusammenarbeitet), hier legte Steve Morell noch kürzlich auf, bevor er den so genannten „Future Rock“ erfand. Der Grund für das lange Überleben der von der Künstlergruppe Dead Chickens gestalteten Wende-Bar liegt auf der Hand: Im ehemaligen SO 36 bestand kontinuierlich Bedarf. Als Club mit überdurchschnittlich guter Musik und lokale Stammkneipe war der Schnabel lange Zeit nahezu konkurrenzlos. Das hat nun ein Ende: Am letzten Tag des Jahres feiert auch die Schnabelbar ihre allerletzte Party.

Mit Nils Ohrmann und seinem funky House verabschiedet sich der Schnabel stilvoll. „This is our house“, diesen Klassiker des Chicago-House der Achtziger, wird er heute Nacht im Schnabel sicher spielen – und was könnte Silvester an den Turntables passender sein, als ein Meister des feinen Übergangs? Nadja Geer

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Das alte Problem „Wohin an Silvester?“ ist selbst mit einer Einladung auf eine Privatparty nicht immer gelöst. Vorsicht ist zum Beispiel geboten, wenn Pärchen zur Silvesterfeier laden, das könnte dann leicht eine traurige Veranstaltung werden, bei der die Menschen knutschend aneinander hängen und sich bedeutsam in die leeren Gesichter schauen. Wer will schon so in das neue Jahr gehen?

Zur emotionalen Absicherung sollte die Silvesternacht in zwei Zeitzonen unterteilt werden: Bis 24 Uhr und danach. Die sensible Zeit bis Mitternacht verbringt man gern in vertrautem Kreis, einem gemütlichen Wohnzimmer, bei Fondue oder kalten Platten, Schaumwein und Champagner. Spätestens um eins heißt es dann aber, sich aufraffen und auf den Weg zur „großen“ Party machen. Die später legendär genannten Privatparties sprechen sich ab dem 30.12. rasch herum und es kristalliert sich bald heraus: Alle gehen hin. So spricht man heute noch von der 98er Party in der Danziger Straße. Etwa zweihundert Gäste steckten wegen Wohnraumüberfüllung im Treppenhaus fest – vom ersten zum vierten Stock. Prinzipiell ist es ratsam, eigene Getränke zur Notversorgung mitzubringen und ansonsten nicht allzuviel zu erwarten. Denn es ist ja nur eine Nacht im Dezember. Christiane Rösinger

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Es ist ja immer dasselbe: Wochenlang will man sich „nicht festlegen“. Mal sehen, was noch so reinkommt. Noch am 31. selbst ist man noch frohen Mutes. Als dann das Telefon nicht klingelt, sinkt die Stimmung. Gegen acht greift man zum Hörer: Keine gute Party in Sicht. Also versammelt man ein paar andere Verzweifelte in der eigenen Wohnung, um Punkt zwölf gemeinsam anzustoßen. Leider will aber D. plötzlich unbedingt „unter Menschen“ sein und M. erhält einen Anruf von wichtigeren Freunden. Also teilt man sich auf und Schlag zwölf sitzt man wegen Schienenersatzverkehrs in irgendeiner U-Bahn .

Die Menschen, die einem dann mit Rotkäppchen oder Goldbrand zuprosten, sind nicht gerade erste Wahl. Macht auch nichts. Denn später führen sowieso alle Wege in die Volksbühne, wo man mangels Übersichtlichkeit auch in diesem Jahr zwischen irgendwelchen Bands, 15 DJs und drei Tanzflächen garantiert nicht jene finden wird, die man eigentlich sucht. Alles ist dann wieder genauso wie im Vorjahr. Wie hatte man sich damals noch feierlich geschworen? Im nächsten Jahr wird alles besser. Bodo Mrozek

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