Kultur : Augen zu und durch

Von Nachtschwärmern: Das Dresdner Hygiene-Museum zeigt die Ausstellung „Schlaf & Traum“

Thomas Lackmann

Der Weg zum Firmament führt durch einen schmalen Saal mit weißen Seitenkammern. Wir wissen, dass technische Katastrophen vergangener Jahre, von Tschernobyl bis Exxon Valdez, durch Übermüdung verursacht wurden, die meisten Autounfälle sowieso. Wir wissen nicht, wohin dieser Weg uns führt, vorbei an einer monströsen Maus. Die hockt menschengroß auf dem weißen Bett. Unter der Decke ein kleiner Mann. Am Ende des Tunnels eine schwarze Wand mit goldenen Metallpartikeln. Davor eine Liegefläche mit Kopfhörern, aus denen Traumgeschichten, Wiegenlieder erklingen. Die Partikel blinken wie Sonne, Mond und Sterne. Beim Nähertreten sind es Messingplättchen, Zahnräder, Blechfalter. Zerlegte Uhrwerke. Demontierte Weltordung. „Auf Zeit“ heißt Raffael Rheinsbergs Installation. Hier müssten wir umkehren. Hier ist die Nacht vorbei.

Das Unternehmen „Schlaf & Traum“ will in erprobter Manier des Dresdner Hygiene-Museums Natur- und Kulturwissenschaft kombinieren. Man habe sich dagegen entschieden, „Besucher auf einer Reise durch die Nacht an die Hand zu nehmen“, sagt Kurator Michael Dorrmann, und konzentriere sich auf Themen: Schlafdrang, Schlafbeschreibung, Traumwelten, Schlafprobleme, Welt ohne Schlaf. So taumelt die Erzählung zwischen medizinischer Präsentation und poetischen Szenarien somnambul hin- und her. Eine Darstellung, die – abgesehen vom Seitenblick auf den globalisierten 24-Stunden-Tag - ihren aktuellen Bezugspunkt selten formuliert.

„Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, hatte der 37-jährige Workaholic gesagt. Als er nackt auf dem Boden vorm laufenden Fernseher gefunden wurde, Zigarette im Mund, Drogen und Tabletten in der Blutbahn, wurde der Exitus des Rainer Werner Fassbinder für die bundesrepublikanische Öffentlichkeit zum vielsagenden Abbild eines rastlosen Künstlers. Der prominenteste deutsche Schlafverweigerer, der unermüdlichste Traumfabrikant: spektakulär entschlafen.

In Dresden versagt man sich – eher distanziert, akademisch – intim-biografische Personifikationen. Dass Filme Kollektivträume erschließen und Träumende zueinander führen, erläutert (im Rückgriff auf Walter Benjamin) lediglich der Katalog. In der Ausstellung immerhin ist, neben Loriots Sketch vom Bettenkauf („Wenn meine Gattin aufwacht, hätte sie gern eine Tasse Tee mit Gebäck“), auch der durch Alpträume inspirierte Film „Der andalusische Hund“ von 1929 zu sehen. Der Fernseher als Schlafbegleiter kommt nicht vor. Permanenter Höchstleistungsdruck wird durch japanische Power Napping-Requisiten symbolisiert: jenen Trend zum Nickerchen, der die Auslastung der Maschine Mensch maximieren soll. Der Drogenkomplex, die chemische Simulation des Schlaf & Traum-Universums, wird reduziert auf das von Sponsoren beackerte Feld der Barbiturate.

Gleichwohl stößt der Flaneur auf anregende Erkenntnisse. Dass man im Aufklärungszeitalter irrationalen Traumabläufen misstraute, dass deren Deutung unter Freud & Co zur neuen Beachtung „passiver“ Seelenseiten führte, dass in den 1950er Jahren Wachbleib-Rekorde schick waren und seit den Sechzigern zunehmend Schlafverhalten experimentell untersucht wurde, verweist auf Moden des Selbstverständnisses. Eigentlich war der Zusammenhang von Schlaf und Gesundheit längst bekannt.

Zugleich ist es angesagt, im Dienst hellwach zu sein: Der Reaktionstest mit PC-Maus am Monitor beweist dem Probanden, dass er nicht „sehr müde“ (300 Punkte) ist, aber mit 259 Punkten den alerten Durchschnitt (220) verfehlt. Kein Wunder: Franz Xaver Messerschmidts überspannte Schädelskulptur „Der Gähner“ von 1937 steckt jeden Betrachter an. Dagegen zeigt die Selbstportrait-Büste des Künstlers, „Der sanfte, ruhige Schlaf“, einen harmonischen Charakter, der ins eigene Identitätszentrum hineinhorcht. Ein Plakat von 1930 zeigt den Unruhe-Kobold mit Büropapieren auf der Brust eines Schläfers: „Unerledigte Arbeiten verfolgen dich noch im Schlafe... Tu es gleich.“ Krysztof Wodiczkos raketenähnliches Mobilbett „Homeless Vehicle“ für Obdachlose lädt ein, eine Art Backrohr auf Gummirädern. Wer schläft, ist endlich daheim. Wer träumt, lebt bei sich.

Aber wer ist Herr im eigenen Haus? Philosophische Zuspitzungen vermittelt der Katalog. Schläfer sind – ein Drittel ihrer Lebenszeit – der Welt entzogen, sie konsolidieren ihr Gedächtnis. Forscher entdecken das Rätsel Schlaf als hochaktiven Prozess des Lernens und Erlebens. Nicht nur den wilden REM-Schlaf – benannt nach Augenbewegungen hinter den Lidern: Rapid Eye Movement. Hier, während eines Fünftels der Schlafenszeit, ist die Haltemuskulatur entspannt; zugleich belegen Energieströme wachähnliche Zustände. Der Hirnstamm produziert sinnliche Informationen, die nicht von Außenreizen rühren, sondern dem Privatarchiv entnommen werden.

Die Feststellung des Schlafmediziners Jürgen Zulley, dass „Frauen von bedrückenden Themen, nahe stehenden Personen und privaten Bereichen“ träumen, während „Männer mit beruflichen Themen und Aggression beschäftigt sind“, reizt zum Widerspruch. Jeder weiß es für sich besser. Schlaf ist eine Einzelzelle. Andererseits wird die innere Körperuhr durch Licht mit der Weltzeit – dem großen Ganzen – synchronisiert. Der Phänomenologe Edmund Husserl nannte den Tiefschlaf einen Limes, an dem das wache Ich seine Intentionen aufgibt. Descartes, der Rationalist, soll wiederum behauptet haben, ihm sei es durch Training gelungen, nur noch vernünftig zu träumen. Die Provokation besteht im Kontrollverlust, im freien Fall der Person: Schlaf & Traum spiegeln die menschliche Doppelexistenz zwischen Engel und Festplatte.

„Bevor ich in den großen Schlaf sinke, will ich den Schrei des Schmetterlings hören“, dichtete Jim Morrison für sein Wiegenlied „When the music is over“. Exegeten fanden postum heraus, dass zur Zeit der Albumaufnahmen im Kino nebenan der Pornofilm „The Scream of the Butterfly“ lief. Für den REM-Zufallsgenerator – alles ist mit allem verbunden – spielt das keine Rolle: Wer ohne Publikumsansturm durch die Ausstellung geht, hört Atemgeräusche über Filmgesichtern alter Schläfer, deren Wangen von Kinderträumen überblendet werden. Dann Tango-Fetzen. „Isoldes Liebestod“. In der Tonstation zirpt Tartinis „Teufelssonate“, die der Gottseibeiuns dem Komponisten anno 1718 in einem Traumbesuch schenkte. Aus der Wiegenlied-Matratze sprießen Lalelu-Headphones. „Da draußen stehn zwei Schaf, ein schwarzes und ein weißes...“

Unter dem Schutzschild des Schlafs, sagt die Psychoanalytikerin Tamara Fischmann, geben wir uns in zusammengerollter Fötus-Position einer „Illusion der primären Erfahrung“ hin. So werde in der „ursprünglichen Verbindung zum Primärobjekt“ Reparaturarbeit geleistet. Alpträume indes seien vergebliche Traumversuche. Vergangenheitsbilder, die in eigene Geschichte nicht integriert werden können, übernehmen die Herrschaft. Nur weil das Primärobjekt abwesend war, hatte das Schreckliche geschehen können: Urvertrauen ist kollabiert. „Zusammenbruch des inneren Dialogs ... Einsturz bei Nacht“. Der Himmel: ein explodierendes Uhrwerk. Da kommt das Schwarze und beißt mich.

Hygiene-Museum Dresden. Bis 3. Oktober. Das Begleitbuch kostet 14, 90 Euro. Informationen unter www.dhmd.de

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