Kultur : Augen zu!

-

FERNSEHZIMMER

Kurt Scheel plädiert für

kontrolliertes Wegsehen

Vor einigen Tagen hat es ein Leser für nötig gehalten, mir mitzuteilen, ich solle nun endlich Schluss machen mit dem ewigen Nachweis, dass das Fernsehen nicht das Reich des Bösen sei, das wisse doch mittlerweile jeder, da würden doch Pappkameraden die offenen Türen Potemkinscher Dörfer einrennen. Ich will mich also lernfähig zeigen und Sie, meine verehrten Leserinnen und Leser, ausnahmsweise nicht mit meiner Grundobsession quälen. In selbstreflexiver Selbstkritik frage ich stattdessen, woher ich eigentlich die fixe Idee habe, das Fernsehen gegen reale oder eingebildete Verächter verteidigen zu müssen.

Die Hölle, das ist nicht der andere, das bist du bekanntlich selbst. Und das bedeutet in diesem Fall wohl, dass ich meine Scham, die der Fernsehkonsum von Peinlichem oder Widerwärtigem hervorruft, externalisiere: Was du in dir selber hasst, überträgst du auf einen äußeren Feind, den du dann genüsslich oder wutschnaubend zerlegst – die alte Sündenbockgeschichte, genau. Das ist mir in den letzten Wochen deutlich geworden, als ich Sendungen guckte (nur Ihnen zuliebe!), die ich normalerweise meide: „Jackass“, „Deutschland sucht den Superstar“, „Countdown Grand Prix“. Ich gucke so etwas nicht, weil es mich deprimiert und zum einsamsten Menschen in Charlottenburg macht, denn ich stelle fest, dass ich mit diesen Gestalten nichts zu tun habe und zu tun haben will. Wir gehören zwar irgendwie alle der Gattung Mensch an, aber das war es dann auch schon. Bleiben wir bei „DSDS“: Von den Moderatoren, diesen Monumenten der Peinlichkeit, muss ich nicht reden, von der steindummen Jury und Herrn Bohlen, der sich vom Typ Zuhälter in den des Zuhälterbewährungshelfers verwandelt hat, auch nicht. Aber selbst die Kandidaten, nette, ehrgeizige junge Leute, und sogar das Publikum – Wähler, Konsumenten, die gerne lecker essen gehen – sind mir so fremd und unheimlich, dass mir schon beim Zuschauen leicht übel wird. Als würde ich, total nüchtern, einer entfesselten Horde von besoffenen Karnevalsdeppen zusehen. Als belauschte ich das höllische Ritual von Aliens – aber es sind eben keine Aliens, sondern Menschen, wie du und ich! Und deswegen kann man dieses Infame auch nicht ekrasieren, ohne sich selber mörderisch und gemein zu fühlen.

Das Fernsehen in seinen Proll und Massensendungen ist auf Dauer gestellter Karneval, und wer das nicht mitmacht, Teil der Meute wird, kann sich nur tonlos abwenden oder einen Wutausbruch respektive Ekelanfall bekommen. So ist es Botho Strauß damals gegangen, als er seinen berühmten „Anschwellenden Bocksgesang“ ausspie, oder manchen Intellektuellen, als sie jüngst von „Vergnügungsfaschismus“ sprachen. Das ist natürlich Unsinn – das Faschistische liegt nicht bei den Vergnügern, sondern im Betrachter, in seiner Wahrnehmung, nicht dazu zu gehören und gleichzeitig dieses satanische Treiben als Angriff auf sich selbst und, klaro, die heiligsten Werte des Abendlandes (Fischer von Erlach!) zu empfinden. Dass in solcher Situation bei Menschen, die sich als Kulturträger begreifen, Hass ausbricht, kann man verstehen, aber natürlich nicht billigen.

So bleiben also nur zwei Möglichkeiten für unsereinen: sich abzuwenden oder analytisch und mit der nötigen Empathie zuzusehen. Womit ich zwanglos bei einer meiner Lieblingsideen gelandet bin, einem Plädoyer fürs Weggucken. Aber kriegen wir nicht immer wieder gesagt, wir sollten nicht wegsehen? Das gilt jedoch nur für die reale Realität, also wenn es auf unser direktes Handeln ankommt, wenn wir uns einem großen bösen Mann oder einem Rudel Neonazis, die Übles tun, in den Weg stellen. Das gilt aber nicht für das mediale Abbild. Hier ist es nicht nur möglich, sondern häufig sogar geboten, wegzusehen. Ich beispielsweise meide Sendungen über Kindersoldaten, wie ich auch nicht die „Bild“-Zeitung lese, denn es ist ansteckend, sich auf Niedertracht einzulassen. Keine Sorge! Es gibt so viel frei fluktuierende Infamie, dass Sie Ihr nötiges realitätsgerechtes Quantum auch abkriegen, wenn Sie sich nicht speziell darum bemühen.

Eigentlich ist es ganz einfach: Bei der „Tagesschau“ mache ich, wenn die zerfetzten Leichen eines Bombenanschlags präsentiert werden, die Augen zu; oder, Lieblingsbeispiel, wenn die Bilder, wie die Flugzeuge ins World Trade Center stürzen, bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten eingeblendet werden, als Logo sozusagen: Mache ich die Augen zu. Ich will das nicht sehen! Ich will kein Voyeur sein, der diese Schrecken cool oder ein bisschen geil in sich aufnimmt. Klingt kindisch? Erinnert an den Eingeborenen, der sich nicht fotografieren lässt, weil er fürchtet, das könne ihm seine Seele rauben? Ja, genauso ist es. Probieren Sie es doch auch einmal mit Weggucken, ganz unverbindlich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben