Kultur : Augenblick mal

21.11.2010 16:31 UhrVon Claudia Wahjudi

Aufmerksamkeit ist alles: Vernissagen im Wochentakt

Moabit zählt kaum zu den ersten Kunstadressen Berlins. Und doch hat sich eine Schar Besucher bei Kurt-Kurt eingefunden, einem Moabiter Projektraum in Kurt Tucholskys Geburtshaus, den das Künstlerduo Simone Zaugg und Pfelder betreibt. Die Gäste diskutieren über Einwanderungspolitik, mitten in Dogan Dogans Installation „Der Bevölkerung Deutschlands“. Mit Wollfäden in Schwarz, Rot und Gold hat der Künstler eine fragile Stange und Leinwände versponnen, auf die er das Wort „Integration“ und den Titel seiner Arbeit gestickt hat. Ein Video zeigt, wie Dogan die deutsche Nationalhymne übt. Er kommentiert damit nicht nur Sarrazins Äußerungen, sondern auch Hans Haackes Arbeit „Der Bevölkerung“ im Bundestag – aus der Sicht eines Kurden, einst mit türkischem, heute mit deutschem Pass.

Dogans Ausstellung bietet Stoff für viele Debatten, doch sie ist nur drei Tage zu sehen. Denn in der Reihe „Short & Intense“ wechseln die Ausstellungen wöchentlich. Den Auftakt machten Emmanuelle Castellan und Stéphane Pichard, Veronika Witte ging dann das Thema Biowissenschaften an, mit gemorphten Zeichnungen und einer zimmerfüllenden Lichtinstallation. Viel Aufwand für kurze Zeit.

Der schnelle Rhythmus ist nicht allein dem Enthusiasmus der Macher geschuldet. Die meisten Besucher kleiner Ausstellungsorte kommen zur Eröffnung oder zu Künstlergesprächen. Der Kampf um Aufmerksamkeit ist hart. Auf rund 100 soll sich die Zahl Berliner Projekträume seit 2009 verdoppelt haben – als Alternative zu Galerien und Vereinen, die seit der Krise kaum noch jüngere Positionen zeigen. Und doch drängen immer mehr Künstler in die Stadt. Beim Landesverband Berliner Galerien spricht man sogar von 200 freien Projekten. Der rasche Eröffnungstakt ist eine Reaktion darauf. Mancher Projektraum feiert Abend für Abend Vernissage, am nächsten Morgen wird umgehängt. Was für ein Stress.

Andererseits – da die Künstler selber im Projektraum Aufsicht führen müssen, bedeutet eine kurze Ausstellungsdauer auch: Es bleibt mehr Zeit für die Arbeit im Atelier. Claudia Wahjudi

Kurt-Kurt, Lübecker Straße 13, Eröffnungen: Do 19 Uhr, Ausstellungen Sa/So 17 - 19 Uhr, Künstlergespräch Sa 17 Uhr. 25 - 27. 11. Via Lewandowsky. 2. - 4. 12.: Bertram Weisshaar. 9. - 11. 12. Karen Scheper.

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