Kultur : Augenblicke der Wahrheit

CHRISTOPH FUNKE

Heiner Müller und Hans Rehberg im Berliner batVON CHRISTOPH FUNKEDer Monolog dient in den fünf Szenen von Heiner Müllers "Wolokolamsker Chaussee" als Versteck der Vielstimmigkeit, als Spiegel zerreißender Widersprüche.Denn wer gibt die dialogisch nicht fixierten Berichte von der Schlacht vor Moskau, von den Ereignissen der "schwarzen Monate" in den Jahren der DDR? Einer redet, und um seine Rede streiten sich die anderen.Das Individuum hält nicht stand, spaltet sich auf, wie die politischen Vorgänge selbst, in die es geworfen ist.Opfer und Täter kommen ins Gespräch, Richter und Angeklagte, Helden und Feiglinge.Der Augenblick der Wahrheit ist da, wenn in der gnadenlosen Rechenschaft die andere, gegnerische Position Macht gewinnt in der eigenen Biographie, wenn, wie Müller schreibt, "das Feindbild auftaucht." Im Studiotheater bat arbeiten die Regiestudenten Hannes Hametner und Marc Pommerening auf diese in der monologischen Struktur der Dichtung angelegte Vielgestalt hin.Ihre Aufführung zitiert ein Schachspiel, zeigt das "Besetzen" von Feldern durch ideologische Grundsätze - und das Verlassen, Vertauschen der Felder.Fünfundzwanzig Quadrate, auf einer Schräge angeordnet, geben fünf Spielern die Möglichkeit, Verhalten auszuprobieren - gegenüber dem von Angst gepackten Rotarmisten, dem verantwortungslosen Sanitätsoffizier, dem Aufbegehrenden am 17.Juni, dem mit dem Schreibtisch verwachsenden Polit-Bürokraten und dem gegen den parteistarren Pflegevater aufbegehrenden "Findling".Es herrscht, bis in die Fechtanzügen gleichenden Kostüme hinein, strenges Schwarz-Weiß, Stühle und ein Hocker dienen zum Aufbau, zur Zerstörung von Gruppen, zur flüchtigen Beschwörung des Kollektivs, das immer wieder zerfasert.Der Text bleibt staunenswerrt klar in diesem Schreiten und Tänzeln durch und um die Felder, diesem Niederstürzen und Aufraffen, der trotzigen Behauptung von Gültigkeit, die sich sogleich als fragwürdig erweist.Das Spiel gewinnt durch die choreographische Sensibilität eine staunenswerte Klarheit, weist auf den Reichtum der hochgeladenen Sprache hin.Pausenlos gehen die fünf Szenen auseinander hervor, die Aufführung, knapp und klar, braucht nur wenig mehr als eine Stunde für den Aufenthalt im Laboratorium menschlicher Möglichkeiten und Gefährdungen. Und dann, nach einem kurzen Innehalten, aber ohne Unterbrechung, folgen Szenen aus "Friedrich Wilhelm I." von Hans Rehberg.Hans Rehberg? Der Dramatiker, heute so gut wie vergessen, lebte von 1901 bis 1963, den Nazis galt er als der Erneuerer der deutschen Dramatik, als der "moderne Shakespeare".Und war den braunen Machthabern doch zugleich höchst verdächtig, weil er "das Heldische" gründlich untersuchte und ganz pragmatisch bewertete.Im Mittelpunkt der Dramatik Rehbergs steht ein aus fünf Stücken bestehender Preußen-Zyklus, in dem "Friedrich Wilhelm I." (1935) die dritte Position einnimmt.Jürgen Fehling war von Rehbergs Stücken ergriffen, wie Bernhard Minetti berichtet.Herbert Ihering bescheinigte dem Dramatiker "einen Geist, der die geschichtliche Struktur einer Epoche aufzeigen kann".Gustav Gründgens erreichte 1938 als Friedrich II.im Schlußateil des preußaischen Dramenwerks (Der siebenjährige Krieg) "einen Höhepunkt vergeistigter Schauspielkunst" - wenn man Karl H.Ruppel glauben will.Nun also "Friedrich Wilhelm I." im bat, wenige Szenen nur, nicht ganz so plastisch und einprägsam dargeboten wie die Texte Heiner Müllers.Die Disziplinierung des jungen Friedrich wird gezeigt, die Enthauptung des Jugendfreundes Katte, der Sarkasmus des zum Narren gemachten Gelehrten Gundling.Die Regisseure streben jetzt kunstvolle Szenen-Verschachtelung an, die dramatische Dichtung kommt aber aus ihrer Sprödheit nicht heraus, bleibt unsinnlich, demonstrativ.Steffen Steglich als König hat immerhin die Schwere einer bedenkenvollen Härte; Martin Jackowski, Andreas Petri, Volker Ranisch und die Schauspielstudentin Friedrike Pöschel wirkten in den Müller-Szenen frischer, lebendiger, aggressiver.Der Hinweis auf Rehberg mag theatergeschichtlich von Interesse sein, der "Wolokolamsker Chaussee" kann der Preußen-Dramatiker Wesentliches nicht hinzufügen. Aufführungen heute, morgen und übermorgen, jeweils 20 Uhr.

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