Kultur : August Diehl: Tänzer zwischen Feuer und Traum

Ulrike Kahle

Plötzlich war er da. Jung, verletzlich, unschuldig. Ein Zwischenwesen, vielleicht ein Engel, vom Himmel gefallen, auf die Bühne der Hamburger Kammerspiele. August Diehl als Robin in dem tragisch-brutal-zärtlichen Stück "Gesäubert" der englischen Autorin Sarah Kane. Eine Offenbarung. Ein Schauspieler, dem man nie wieder vergisst. Er musste sich ausziehen, ganz nackt, die Kleider tauschen mit Susanne Lothar, weiterspielen im kurzen rosa Rock, und er zeigte alles: die Demütigung und die Demut, die Unsicherheit eines Unfertigen und eine stille Würde. Robin war Analphabet und vermutlich ein Mörder, eingesperrt in einer obskuren Klinik, er wurde ein Liebender und Lernender und am Ende erhängte sich, trostlos, würdevoll, im rosa Rock.

August Diehls Talent ist unübersehbar. Sein Vater ist Hans Diehl, Schauspieler der ersten Stunde der alten Schaubühne am Halleschen Ufer bei Peter Stein, jetzt bei Thomas Ostermeier. Sein jüngerer Bruder studiert Komposition an der HdK Berlin. August Diehl wurde 1976 in Berlin geboren, ist aufgewachsen in Berlin und im Chiemgau in Bayern. Es muss eine glückliche Kindheit gewesen sein. 1997, noch während seines Studiums an der "Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch" spielte er bereits, Theater und Film, am Maxim Gorki Theater und die Hauptrolle in dem Film "23", einen drogensüchtigen Computerhacker.

Er hat seitdem praktisch für jede Rolle, jeden Auftritt Preise gewonnen: den Darstellerpreis beim Schauspielschultreffen 98, den Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsdarsteller 1998 sowie den Deutschen Filmpreis 1999 als bester Hauptdarsteller für "23". Er wurde für die Rolle des Robin in der Kritikerumfrage der Zeitschrift "Theater heute" zum besten Nachwuchsschauspieler gewählt.

August Diehl erhielt gestern in Berlin den mit 10 000 Mark dotierten "Alfred-Kerr-Darstellerpreis", der jedes Jahr zum Theatertreffen in Zusammenwirkung der Alfred-Kerr-Stiftung und dem Tagesspiegel verliehen wird. Allein-Juror war diesmal Walter Schmidinger. In seiner Laudatio erinnerte der Schauspieler daran, dass das Theatertreffen wieder gezeigt habe, wie sehr Schauspieler wie Jutta Lampe und Angela Winkler, Gert Voss und Ulrich Mühe in Berlin entbehrt würden. Sie seien hier offenbar von den Theatern nicht erwünscht.

Ein Preis für eine große, symbolische Rolle. August Diehl spielt Konstantin, den jungen Dichter in Anton Tschechows "Möwe" in der beim Berliner Theatertreffen stürmisch gefeierten Burgtheater-Inszenierung von Luc Bondy. Eine Inszenierung, so reich und tief bewegt, so vollkommen die unvollkommenen menschlichen Lebens- und Liebesversuche entfaltend, so genau den Konflikt alt und jung, altes Theater, neues Theater thematisierend. Und August Diehl ist Kostja. Verkörpert die Jugend selbst, wie er, glühend vor Eifer, mit geröteten Wangen, den erhabenen Unsinn seines Stückes mitspricht, mitlebt. Der Sohn einer berühmten Schauspielerin, der sich aufbäumt gegen die über alles geliebte Mutter und ihr Routine-Theater.

Nach neuen Formen sucht er, nach einer neuen, unverbrauchten Kunst, und August Diehl als Sohn, Liebender und junger Dichter ist unwiderstehlich in seiner Hingabe, ein scheu Stürmender, der die Welt bewegen will, das Theater erobern. Die Inkarnation der Jugend, und man begreift alles, die Wut, die Verzweiflung, die Unsicherheit, Verletzbarkeit, den Hochmut, diesen ganzen Jugendaufbruchtaumel, die schmerzhaft gemischten Gefühle. August Diehl glüht, liebt und verzweifelt. Im letzten Akt, nur wenige Jahre später, ist sein Kostja plötzlich alt, gebeugt, schattenhaft. Gescheitert in seiner Liebe zur Mutter wie zur "Möwe" Nina, gescheitert als Schriftsteller. Er fand nicht den neuen Ton und Stil, fand nicht zu sich selbst. Ganz im Gegensatz zu seinem DarstellerAugust Diehl, der jetzt in Wien "Roberto Zucco" spielt, in der Inszenierung von Klaus Michael Grüber, ganz eigen, ganz er selbst, ein Tänzer zwischen Mord und Traum. Unverwechselbar.

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