Augustinermuseum : Prophet und Sünderin

Der Umbau: präzise und inspirierend, ohne gefühlig zu wirken: Neue Heimat für die Freiburger Münsterfiguren – im Augustinermuseum.

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Beschirmt. Lange verwitterten sie im sauren Regen, jetzt sind sie geschützt: die sakralen Münsterfiguren im neu gestalteten Freiburger Augustinermuseum.
Beschirmt. Lange verwitterten sie im sauren Regen, jetzt sind sie geschützt: die sakralen Münsterfiguren im neu gestalteten...Foto: dpa

Da ist der in die Zwiebel beißende Teufel aus der Esslinger Zwiebel-Sage als Wasserspeier an der dortigen Frauenkirche. Da ist der in Stein porträtierte Baumeister Michael Parler am Kranzgesims des Ulmer Münsters. Und da ist die nackte Unkeuschheit oben am Freiburger Münsterturm, eine der sieben Hauptsünden. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie entziehen sich in großer Höhe der Anschauung, sind den Blicken des unbewaffneten Auges entrückt. Schade eigentlich, doch dem sauren Regen sei Dank gibt es seit einiger Zeit die Tendenz, die wunderbaren mittelalterlichen Skulpturen in die schützende Atmosphäre des Museums zu holen und am originalen Standort Repliken aufzustellen.

So kommt es, dass die sündige Dame aus Freiburg, die sich lasziv an die nackte Brust fasst, auf Plakaten und Katalogen in Nahaufnahme erscheint, um die Beschauer zu einem Museumsgang zu verführen. Das Augustinermuseum im Freiburger Gerberviertel zeigt sie als eines seiner Meisterwerke vom Mittelalter bis zum Barock in der einstigen Augustinerkirche in wunderbaren neuen Räumen und einer betörenden Inszenierung.

Der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler hat sich des Gebäudes angenommen. Seit der Profanierung 1823 diente es zunächst als Stadttheater, wurde hundert Jahre später als Museum für die städtischen Sammlungen eingerichtet und träumte zuletzt dunkel und unbeachtet von besseren Zeiten. Mäckler, der in Berlin durch das historisierende Lindencorso die Architekturgemeinde polarisierte, ist in Freiburg das Kunststück gelungen, dem Bau mit einer heutigen Architektursprache seine sakrale, mittelalterliche Wirkung zurückzugeben, ohne Verlorenes zu rekonstruieren und ohne die einstigen Raumzusammenhänge sklavisch zu wiederholen.

Äußeres Merkmal der Umgestaltung ist ein schmaler Vorbau an der Westfassade der Klosterkirche, in dessen Obergeschoss die „Kaiserfenster“ des Münsters aus dem 16. Jahrhundert zu sehen sind. Im Inneren hat Mäckler den saalartigen Raum in den ursprünglichen basilikalen Querschnitt mit einem hoch aufragenden Mittelschiff und Emporen über den Seitenschiffen zurückgeführt, um mehr Ausstellungsraum zu gewinnen. So stehen nun zehn monumentale Prophetenstatuen auf Sockeln im Mittelschiff und blicken statt vom Münsterturm in die Ferne auf die Besucher des Museums. Und nun kann man am Obergaden die Wasserspeier und die Allegorie der Unkeuschheit durch kleine Auslugnischen aus ungewohnter Nähe in Augenschein nehmen. Die mittelalterlichen Tafelbilder, Glasmalereien und kleineren Skulpturen sind in den zweigeschossigen Seitenschiffen zu sehen, darunter der um 1480 entstandene Passionsaltar des Meisters des Hausbuchs oder Lucas Cranachs „Christus als Schmerzensmann zwischen Maria und Johannes“. Die oberen Räume und der moderne Vorbau sind über eine kurioses Treppensystem erreichbar, das durch seine Aus- und Einblicke beim Begehen die Entdeckerlust weckt.

Problematisch ist Mäcklers Entscheidung, den Mönchschor an der Stelle des einstigen Lettners durch eine geschlossene Wand vom Langhaus völlig abzutrennen. Zu eng gestaltet sich nun die Situation im Chor: Er muss drei große Barockaltäre sowie eine voluminöse Barockorgel aufnehmen, die im Chorpolygon aufgestellt wurde und der es akustisch wie optisch an Wirkungsraum mangelt.

Eine Treppe höher eröffnet sich ein atmosphärisch völlig anderer Raum. Es ist das Innere des Daches, ganz vom mächtigen hölzernen Dachstuhl geprägt und zusätzlich mit karminrot gestrichenen Trennwänden versehen. Er beherbergt die Sammlung von Gemälden des 19. und 20. Jahrhunderts. Über dem Chor ist der originale gotische Dachstuhl selbst ein bedeutendes Ausstellungsstück, wie es sonst selten öffentlich zu sehen ist.

Eine 600 Quadratmeter große Halle im Untergeschoss lässt sich unabhängig vom Museumsbetrieb mit Wechselausstellungen bespielen. Noch bis Sonntag, 17. Oktober, stellen dort die in Freiburg geborene, in Berlin lebende Katharina Grosse und ihre Mutter Barbara Gosse aus Bochum in einer ersten gemeinsamen Ausstellung Rauminstallationen und Arbeiten auf Papier aus.

Neu zugänglich ist auch der gotische Kreuzgang. 16,6 Millionen Euro sind in die Baumaßnahmen geflossen, weitere 20 Millionen sollen in den nächsten Jahren bereitstehen. In einem zweiten und dritten Bauabschnitt sollen auch die barocken Flügel der Klausuranlage saniert sowie die Tiefkeller nutzbar gemacht werden. Die Klostergebäude werden die mit 70 000 Blättern sehr umfangreiche grafische Sammlung und die ebenfalls bedeutende volkskundliche Sammlung mit Uhren, Kostümen und religiöser Kunst aus dem Schwarzwald präsentieren.

Mit dem Umbau hat Mäckler, der auch für präzise und baukünstlerisch inspirierte Detailgestaltung bekannt ist, für die Sammlung ein angemessenes, atmosphärisch dichtes und passendes Ambiente geschaffen. Es hebt sich wohltuend von der sterilen Abstraktion vieler anderer Museen ab, ohne gefühlig zu wirken oder gar in den Kitsch abzugleiten. Erst jetzt erschließt sich die bislang im Dornröschenschlaf verharrende großartige Freiburger Sammlung in ihrer ganzen Bedeutung und Schönheit.

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