Auktion : Das Blau der Hoffnung

Stürzende Perspektiven, gute Aussichten: Vorschau auf die Auktion bei Lehr. Mit einem Programm, das weniger auf klingende Namen als auf moderate Preise setzt, erweist sich das jüngste Berliner Auktionshaus als krisenresistent.

Michaela Nolte
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Harte Kanten. Glöckner-Profil. Foto: Lehr

Sammler, die es sich leisten können, halten angesichts der Krise ihre großen und zugkräftigen Kunstwerke derzeit weltweit aus den Auktionshäusern zurück. So fällt auch der Katalog zur 28. Auktion bei Lehr mit insgesamt 537 Losnummern etwas knapper aus. Doch mit einem Programm, das weniger auf klingende Namen als auf moderate Preise setzt, erweist sich das jüngste Berliner Auktionshaus als krisenresistent.

„Die Stimmung ist besser als im letzten Herbst“, sagt Irene Lehr. „Selbst die US-Amerikaner, die vor einem halben Jahr komplett ausgefallen waren, bieten wieder mit.“ Zudem scheinen die Freunde ostdeutscher Kunst, mit der sie sich seit 14 Jahren eine Nische aufgebaut hat, weniger spekuliert zu haben, resümiert die Auktionatorin. Angebot und Nachfrage zeigen sich bei Künstlern wie Gerhard Altenbourg, Werner Tübke oder Curt Querner stabil. Allen voran ein Konvolut mit 19 Originalen und Druckgrafiken von Herman Glöckner, wo unter anderem „Graue Linienkurven“, 1958 schwungvoll mit Tusche gezeichnet, bereits ab 500 Euro zu haben ist. Ein kompaktes „Profil vor Dächern“, das Glöckner in den dreißiger Jahren mit Kasein und Tempera auf Leinwand malte, kommt mit einem Schätzpreis von 28 000 Euro zum Aufruf.

Spitzenlos der Auktion ist Max Pechsteins oktogonales Porträt seiner Berliner Vermieterin Frau Cuhrt. Das 1908 für das Wohnhaus der Cuhrts am Kurfürstendamm in Auftrag gegebene Bildnis zeigt ihn zwar nicht als typischen Brücke-Künstler, ist dafür aber absolut marktfrisch und mit einem Schätzpreis von 50 000 Euro bedacht.

Vorsichtig bewertet wird auch das Spätwerk von Otto Dix. Aus seiner Architekturserie der fünfziger Jahre kommt die „Kirche von Arnas II“ mit 45 000 Euro zum Aufruf, deren ursprüngliche Fassung nach Dix’ erstem Frankreich-Aufenthalt 1957 entstanden war. Noch ganz unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs fertigte Käthe Kollwitz 1923 ihre Lithografie „Die Überlebenden“. Als eines von nur sechs signierten Exemplaren des ersten Zustandsdruckes, geht das seltene Blatt mit 12 000 Euro an den Start.

Mit Künstlern wie Otto Beyer, Otto Lange oder Walter Jacob zeigt Lehr, dass es auch von der zweiten Garde qualitätvolle Kunst gibt, und diese zu günstigen Preisen. So ist ein großformatiges Ölbild von Hans Körnig mit 8000 Euro bewertet. Mit expressivem Impetus malte Körnig 1937 seine Ansicht des Dresdener Postplatzes. Der wild bewegte Duktus lässt die Stadt als vitalen Schmelztiegel vibrieren. In der extrem stürzenden Perspektive scheint Körnig die Katastrophe des drohenden Kriegs und den Untergang bereits vorwegzunehmen.

Die aktuelle Katastrophenstimmung wirkt momentan etwas gebannt. Doch die Situation ist ebenso offen wie Emil Schumachers auf 15 000 Euro taxierte Gouache von 1965/66. Die leuchtenden Blautöne sind hoffnungsvoll, die Formensprache ist entfesselt und frei. So darf man auf den Ausgang der heutigen Auktion gespannt sein.

Lehr Kunstauktionen, Versteigerung ab 13 Uhr im Hotel Excelsior, Hardenbergstraße 14.

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