Auktion : Stadt, Sand, Fluss

Die Frühjahrsauktion der Villa Grisebach überzeugt mit Klassischer Moderne. Zum Aufruf kommen über 80 Gemälde, Grafiken und Skulpturen.

Michael Zajonz

Hundert Bilder könne man hier malen, soll Max Liebermann während der Besichtigung eines norddeutschen Bauerngartens ausgerufen haben. Alfred Lichtwark, der diesen Garten ausgewählt und die Anekdote überliefert hat, gehörte zu Liebermanns treuesten Freunden und Förderern. Der in Geschmacksfragen versierte Direktor der Hamburger Kunsthalle half dem Maler auch 1910 bei der Anlage von Liebermanns Wannseegarten. Der stellte fortan am liebsten das eigene Gartenparadies dar – in mehr als 200t Gemälden, dazu in unzähligen Pastellen und Grafiken..

Mit seinen Garten-Bildern hat Liebermann Kunstgeschichte geschrieben. Sie verbinden bis heute Lokalkolorit und Weltläufigkeit. Zwei profunde, lange in Privatsammlungen versteckte Gemälde Liebermanns mit Ansichten seines Landhausgartens bietet nun die Villa Grisebach an: in der Versteigerung ausgewählter Werke am kommenden Freitag, die das Verkaufswochenende des führenden Berliner Auktionshauses im Frühjahr krönt. Zum Aufruf kommen über 80 Gemälde, Grafiken, Skulpturen und Objekte, von den preußischen Altmeistern Adolph von Menzel und Christian Daniel Rauch bis zu den unvermeidlichen Contemporary-Stars Daniel Richter, Dirk Skreber und Matthias Weischer.

Trocknen auf Weischers trister „Wand“ von 2003 (Schätzpreis 100 000 -150 000 Euro) nur staubige Gummibaumblätter vor sich hin, so entfesselt Liebermann wahre Chlorophyllgewitter. Seine „Gartenbank unter dem Kastanienbaum im Wannseegarten“ gehört zu den bevorzugten Motiven des produktiven Künstlers. Das auf 200 000 bis 250 000 Euro taxierte Bild entstand 1925. Eigenhändig datiert ist die vom Künstler signierte Holztafel zwar nicht, doch findet sich auf der Bildrückseite ein Klebeetikett, das die Jahreszahl und als Provenienz die Galerie Paul Cassirer angibt.

Vier Jahre später malte der damals bereits 82-jährige Künstler „Blumenstauden am Gärtnerhäuschen nach Nordosten“. Die auf 400 000 bis 600 000 Euro geschätzte Leinwand ist, mehr noch als die „Gartenbank“, ein typisches Alterswerk. Pastose Farbgebirge, etwa bei den hochaufschießenden Stauden links im Vordergrund, wechseln mit lasierend gemalten Partien. Licht und Schatten, Hitze und Kühle, Grünes und Grelles: Selten zuvor erschien Liebermann, der „deutsche“ Impressionist, so atmosphärisch, so „französisch“. Ein echter Franzose kommt unmittelbar vor Liebermann zum Aufruf: Camille Pissarros „Match de cricket à Bedford Park, Londres“ (1897) ist mit 250 00 bis 350 000 Euro sicher nicht zu hoch angesetzt. Natur und Sport – ein Großstadtthema.

Qualität, lehrt dieses Beispiel, muss sich nicht immer in Spitzenpreisen ausdrücken. Qualität in Verbindung mit Seltenheit hat jedoch ihren Preis. Mit siebenstelligen Taxierungen adelt Grisebach diesmal zwei Gemälde der Offerte: August Macke malte wenige Wochen vor seinem Kriegsdienst 1914 mit den „Kindern am Hafen I (6 A)“ eines seiner letzten Bilder. Das auf 1,5 bis 2 Millionen Euro geschätzte Spitzenlos der Auktion zeigt Macke einmal nicht als rheinischen Post-Romantiker, sondern als Apologeten des Maschinenzeitalters.

Als Synonym der neuen Zeit darf auch Max Beckmanns Querformat „Grauer Strand“ von 1928 gelten (800000 bis 1,2 Millionen Euro). Das marktfrische Bild, von der Familie der Einlieferer 1929 in der Galerie Alfred Flechtheim erworben, entstand während Beckmanns Aufenthalt im holländischen Scheveningen. Der kunsthistorisch gebildete Maler spielt mit der großen Tradition holländischer Seestücke des 17. Jahrhunderts – und macht doch etwas ganz Eigenes, Modernes daraus. Urlaubsmelancholie als Fall ins Bodenlose. Vom feinem Sand zwischen den Zehen gebremst.

Villa Grisebach, Fasanenstraße 25. Vorbesichtigung der Werke aller Auktionen: 24.-28. Mai., 10-18.30 Uhr, Mi 10-17 Uhr. Auktionen: 29.- 31. Mai. Kataloge unter www.villa-grisebach.de

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