Auktion : Weich gezeichnet

Von Emil Nolde bis Man Ray: Die Frühjahrsauktionen in der Villa Grisebach. Das teuerste Bild stammt erstmals von einem Zeitgenossen.

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Pünktlich zum Versteigerungswochenende in der Villa Grisebach war endlich auch die Sonne zurückgekehrt; aber nicht nur das gute Wetter heizte die Stimmung der übervoll besuchten Abendveranstaltung kräftig auf.

Passend dazu war Walter Leistikows leuchtende „Märkische Landschaft“ das erste von 93 „Ausgewählten Werke“, die zum Aufruf kamen. Das Gemälde des 1908 in Berlin verstorbenen Malers, dass sich seit 1925 in Familienbesitz befand, kletterte dann auch rasant von geschätzten 18 000 auf 60 000 Euro. Verglichen damit war der Zuwachs für zwei Caféhaus-Szenen, in denen Lesser Ury um 1925 wohl das Treiben im legendären „Haus Vaterland“ am Potsdamer Platz einfing, nicht so hoch. Aber mit Hammerpreisen von 32 000 respektive 39 000 Euro recht stolz – sind doch die winzigen Ölgemälde nicht größer als eine Postkarte.

Etwa die gleichen Maße hat ein Aquarell von Franz Marc. Wegen der großen Seltenheit von Originalen des 1916 im Ersten Weltkrieg gefallenen Brücke-Künstlers, waren das „Rote und blaue Pferd“ schon im Vorfeld mit mindestens 150 000 Euro bewertet worden. In einem langen Bietgefecht, das sich in gespannten 5000er-Schritten bis auf schlussendlich 285 000 Euro aufschwang, wurde das 1912 im Skizzenbuch XXVIII gefertigte Kleinod einem Münchener Privatsammler – unter Applaus – zugeschlagen.

Nur vier Lose danach konnten abermals 285 000 Euro für Emil Noldes „Blaue Iris, Feuerlilien, Rudbekia“ verbucht werden, die ein Bieter, der aus dem oberen Saal zugeschaltet war, für das immerhin fast 34 mal 46 Zentimeter große Aquarell und dessen leuchtendes Kolorit gewährte.

Zu den Hauptlosen gehörte auch Paula Modersohn-Beckers kleines „Selbstbildnis mit gelbem Kranz“. Um 1901, im Alter von 25 Jahren zeigt sich die Malerin – im Jahr der Hochzeit mit Otto Modersohn und vier Jahre vor ihrem frühen Tod – mit selbstbewusstem Blick in zart heller Farbigkeit. Das Tempera-Bildnis auf Pappe befand sich seit 1968 in einer baden-württembergischen Privatsammlung. Nun geht es zum Hammerpreis von 270 000 Euro nach Bayern. Selbiger Bieter am Telefon sicherte sich außerdem die „Weißen Rosen vor Atelierfenster“. Etwa zur gleichen Zeit entstanden, ist es eines der frühesten Stillleben Modersohn-Beckers – entsprechend fiel der Hammer deutlich oberhalb der Taxe bei 200 000 Euro.

Es war ein Abend, dessen Offerte fast ausnahmslos auf großes Interesse stieß und jede Menge kräftige Steigerungen brachte. So für Lovis Corinths 1921 mit gleichsam lockeren und kräftigen Pinselstrichen entstandenem Hochformat „Weiblicher Akt, Kniestück“, dessen ebenso sublime wie natürliche Erotik einen Berliner Sammler so betörte, das er schlussendlich 104 000 Euro bot. Ähnlich Egon Schieles „Liegender Akt“, bei dem sich bis 170 000 Euro auch niemand daran störte, dass die Kohlezeichnung wohl von fremder Hand aquarelliert wurde.

Enorm stark war dieses Mal auch das Angebot an Zeitgenossen, die im Anschluss an den Katalog der „Ausgewählten Werke“ mit 23 Losnummern und nicht minder ausgewählten Arbeiten zum Zuge kamen. Eine Premiere im traditionellen „Haus der Klassischen Moderne“ gelang Sean Scullys „Grey Fold“ von 2005. Mit einem Zuschlag von 370 000 Euro, den ein amerikanischer Sammler bewilligte, wurden die Klassiker zum ersten Mal preislich von einem Gegenwartskünstler überflügelt.

Neo Rauchs „Hauptgebäude“ von 1997 ist zwar nicht typisch für das, was den Protagonisten der Neuen Leipziger Schule berühmt gemacht hat, erzielte aber dennoch souveräne 250 000 Euro. Knapp gefolgt von Sigmar Polkes unbetitelter Gouache, die ursprünglich auf 40 000 Euro geschätzt war. Ein Schweizer Privatmann bot am Ende sensationelle 235 000 Euro für die Zeichnung von 1979.

Insgesamt erzielte die Klassische Moderne mit 6,35 Millionen ein Plus von mehr als 150 Prozent und die Zeitgenossen konnten nach Schätzwert zu 100 Prozent und mit 2,2 Millionen veräußert werden.

Bereits am Tag zuvor wurde die Fotografie versteigert, und die befindet sich nach wie vor in einer Phase der Rekonvaleszenz. So fiel Lotte Jacobis „Head of a Dancer“, das Spitzenstück unter rund 180 Losnummern, durch. Die faszinierende Nahaufnahme der Tänzerin Niura Norskaya von 1929 war mit einer Erwartung von 22 000 bis 25 000 Euro als Abzug aus den 1970er-Jahren schlicht überschätzt.

Der höchste Erlös des Nachmittags fiel auf Thomas Struths „People on Fuxing Dong Lu, Shanghai“, das inklusive Aufgeld 22 610 Euro brachte. Für Überraschung sorgte Julius Shulmans „Case Study House # 22“ von 1960. Nach einem Einstieg mit 2000 Euro kämpften fünf Telefonbieter bis 10 000 Euro um die spektakuläre Architektur-Fotografie.

Angesichts manch empfindlicher Rückgänge und einer Zuschlagsquote von 64 Prozent der Lose, belief sich der Gesamtumsatz der Fotografie auf relativ schwache 380 000 Euro.

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