Auktionen : Alles muss Rausch

Die Auktionshäuser rüsten sich für ihre New Yorker Prestige-Auktionen. Doch die Kunstpreise sind komplizierter als Schlagzeilen.

Matthias Thibaut

Am billigsten sind in London derzeit Sofas. Viele haben in besseren Zeiten auf Kredit bestellt. Nun können oder wollen sie nicht bezahlen. Die Läden sind voll mit Edelpolstern zum Spottpreis. Aber meist ist es nicht, was man will.

Genau so ist es mit der Kunst. In den jüngsten Londoner Grafikauktionen konnte man im April einen Siebdruck von Andy Warhol mit Marilyn-Monroe-Motiv aus der Auflage von 1967 für 32 450 Pfund haben. Ein Schnäppchen, aber auch ein ramponiertes Blatt. Dann stand ein viel frischeres Exemplar für 40 000-60 000 Pfund zur Versteigerung und fand keinen Käufer. 2003 hatte es 31 200 Dollar gekostet, der Höchstpreis für ein Einzelblatt aus der Monroe-Mappe liegt bei 78 500 Pfund.

Was soll der Journalist nun berichten? Sind Warhols Preise um die Hälfte abgestürzt? Natürlich nicht. Warhol, moderat gepreist, wurde vielmehr gut verkauft. Auch eine Grafik von Rembrandt um 5 000 Pfund ging weg wie warme Semmeln. Aber die großen, tonigen, frühen Abzüge, die ein Vielfaches kosten, werden in der Krise kaum angeboten.

Pauschale Auskünfte über den Zustand des Kunstmarktes, wie sie jetzt häufig zu lesen sind, verfehlen meist ihr Ziel. Denn jedes Kunstwerk ist ein Fall für sich. Um 35 Prozent seien die Preise gesunken, behaupten etwa die amerikanische Professoren Jianping Mei und Michael Moses, deren Mei Moses Fine Art Index bei Wiederholungsverkäufen in Auktionen die Preisdifferenz misst. Aber nach wie langer Wartezeit, aus welchen Gründen, in welchem Zustand und in welcher Modestimmung verkauft wird, messen sie ebenso wenig wie das, was in den Galerien vor sich geht. Unterm Strich folgt die Mei-Moses-Preiskurve übrigens ziemlich genau der des Aktienmarktes. Dieser ist ja auch um 35 Prozent eingebrochen.

Andere, wie der Art Price Index, messen Marktaktivität und Durchschnittspreise. Wenn nur alle zwanzig Jahre ein Bild von Michelangelo auf den Markt kommt, hilft auch das wenig. Kunstwerke sind anders als Kartoffeln. Kann man wirklich die edelsten Warhols oder Picassos mit den Massenauflagen zusammenwerfen? „50 Prozent Einbruch bei den Hongkong-Auktionen“, meldete eine Zeitung nach Sotheby’s vorösterlicher Auktion, während die „China Daily“ vom „Frühling im Kunstmarkt“ schrieb. Die erste Meldung bezog sich darauf, dass das Angebot drastisch der geschrumpften Nachfrage angepasst war. Die zweite frohlockte über Preisrekorde wie jene 20,5 Millionen Dollar für ein Gemälde aus den fünfziger Jahren von Li Fengmian. Aber was ist die Kunst wert, die nun mal an den Wänden der Sammler oder in den Safes bleibt und gar nicht zum Verkauf kommt?

In dieser Ungewissheit rüsten sich die Auktionshäuser nun für die Prestige-Auktionen in New York. Jahrelang waren dies die Messlatten des Booms. Rekordmeldungen heizten das Renommee des Kunstbesitzes, den Glauben an die Anlageform Kunst, die Leidenschaft für das Schöne an. Im November 2006 setzte Christie’s in der umsatzstärksten Auktion der Geschichte 491 Millionen Dollar um. Nun liegt die Mindestschätzung für die Abendauktion am 6. Mai bei 91 Millionen. Sotheby’s bietet gar nur 36 Lose für 80 Millionen Dollar an. Ein Gemälde von Picasso ist mit 14 bis 16 Millionen Dollar am teuersten. Wolfgang Joop verkauft seine Sammlung mit Bildern der modischen Tamara de Lempicka, darunter das Porträt der Duchesse de la Salle für vier bis sechs Millionen. Auch Christie’s hat den krisenfesten Picasso als Starattraktion gewählt: ein spätes Frauenporträt für acht bis zwölf Millionen Dollar aus der Sammlung des Künstlers Julian Schnabel.

Schnabel ist durch die Tellerscherben in seinen Bildern und als Paradebeispiel für den Kunstmarkt-Crash der neunziger Jahre bekannt. Viele der neuen Marktspieler wissen von diesem Crash wenig, aber damals wurde Schnabels eigene Kunst über Nacht „unverkäuflich“ – was natürlich wieder nur eine griffige Schlagzeile war. Schnabel kam aus der Mode. Man sah seine Bilder seltener, die Preise fielen. Aber verkauft werden sie immer noch. Der Höchstpreis wurde vor drei Jahren erzielt, 822 400 Dollar für ein Scherbenporträt.

So sind Kunstpreise komplizierter als Schlagzeilen. Wenn die Superreichen ein Viertel ihres Vermögens verlieren, wie Forbes errechnete, ist klar, dass dies auch auf die Kunstpreise durchschlägt. Aber Kunst ist auch Schwarzgeldanlage, Prestigeobjekt, Sesam-öffne-dich für soziale Anerkennung, irrationale Leidenschaft. Zeitgenössische Kunst ist immer überteuert. Wie alles, was im Trend der Mode steigt und fällt. Aber wir lieben sie ja gerade, weil sie neu ist und den Ausleseprozess der Geschichte noch vor sich hat. Altmeisterpreise bewegen sich behäbiger nach oben und unten und gelten nun als sicherere Anlage. Aber auch das ist eine Vereinfachung. Tausende von trüben holländischen Landschaftsbildern, die vor einem halben Jahrhundert die Wände des Bürgers schmückten, werden wegen der Krise nicht wieder in Mode kommen.

Kunst ist ein Doppelspiel, ihr Wert ist nicht durch den Preis ausgedrückt wie bei einer Aktie. Sie ist Konsumgut und ewiger Wert, Geldanlage und Luxus, sie soll das Geld zusammenhalten und ist doch Ausdruck von Überschuss und Verschwendung. Das macht sie kompliziert und spannend.

Der „Impressionist und Modern Art Sale“ bei Sotheby’s und Christie’s findet vom 5. bis 6. Mai in New York statt.

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