Auktionen : Millionen für ein paar Dollar

Auktionen von Sotheby’s bis Grisebach: Dieses Jahr war voller Widersprüche und Überraschungen.

Christiane Meixner,Michaela Nolte
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SOTHEBY'S

200 Eindollarnoten im Tausch gegen 43 Millionen Dollar – wenn das kein Geschäft ist! Fragt sich nur, für wen. Den großen Deal hat Sotheby’s im November gemacht und Andy Warhols frühen Siebdruck „200 One Dollar Bills“ in New York versteigert. Für diese Saison ein Rekord. Blickt man allerdings zurück, kann von Höchstpreisen nicht die Rede sein: Vor zwei Jahren brachte „Green Car Crash“ vom selben Künstler 72 Millionen Dollar ein.

Erfolg ist relativ, auch auf dem Kunstmarkt. Mit der Finanzkrise im Herbst 2008 brach ein Teil jener neuen Sammler weg, die Kunst als prestigeträchtige Investition sahen. Zurück blieben verunsicherte Auktionshäuser, deren Experten sich bei den Prognosen diskret zurückhielten. Aus gutem Grund: Der Markt verhielt sich dieses Jahr wie eine Diva. Den Auftakt machte die Versteigerung des Nachlasses von Yves Saint Laurent in Paris mit einem sagenhaften Ergebnis. Danach fielen die Ergebnisse der Frühjahrs- und Herbstauktionen deutlich ab. Cheyenne Westphal, Sotheby’s Expertin für zeitgenössische Kunst, bilanziert die Gründe: An der Kaufkraft liegt es ihrer Ansicht nach nicht. Sondern daran, dass die Sammler momentan auf ihren Spitzenwerken der Gegenwart sitzen, weil sie von der Zukunft nach der Krise die besseren Preise erwarten.

Dank ihrer Zurückhaltung geriet dafür ein anderes Segment in den Blick. Die alte Kunst, lange übersehen und unterbewertet, verzeichnet in diesem Jahr einen Höhenflug. Im Dezember triumphierte Raffael: Für 26 Millionen Pfund versteigerte Christie’s in London eine Kohlezeichnung des Renaissance-Künstlers. Ein spätes Porträt von Rembrandt erreichte immerhin die untere Taxe von 18 Millionen Pfund. Und ein Selbstporträt von Anthonis van Dyck erzielte bei Sotheby’s in London vor wenigen Tagen mit 9,2 Millionen Euro weit mehr, als der Barockmaler je zuvor gekostet hat. So erwächst aus dem Mangel des einen ein neuer Markt.

Von solchen Summen können die deutschen Auktionshäuser nur träumen. Auch hier ist man von den Hochpreisen 2007 noch deutlich entfernt. Allenthalben hat man sich auch im Herbst auf ein abgespecktes Angebot einrichten müssen, und die größte Schwierigkeit bereitete einmal mehr der Nachschub an gewichtigen Werken.

Allein der Berliner Villa Grisebach waren deutschlandweit Hammerpreise im Millionenbereich vorbehalten. Nachdem Max Beckmanns „Nachtgarten bei Cap Martin“ bereits im Juni mit 1,25 Millionen Euro zugeschlagen wurde, avancierte sein „Blick auf Vorstädte am Meer bei Marseille“ Ende November zum Spitzenreiter des Jahres. Mit über 2,6 Millionen Euro erhöhte eine süddeutsche Saalbieterin die Taxe um mehr als ein Drittel und bewilligte damit den zweithöchsten Einzelzuschlag in der Geschichte der Villa Grisebach.

Rang drei der teuersten Werke von 2009 gebührt Ernst Ludwig Kirchners Gemälde „Drei Akte im Wald“, das einst zur berühmten Sammlung von Alfred Hess gehörte und 70 Jahre als verschollen galt. Die geschichtsträchtige Provenienz mit Parallelen zu Kirchners „Berliner Straßenszene“ bescherte dem 1912 entstandenen und im Vorfeld auf 400 000 Euro taxierten Gemälde einen Zuschlag von 900 000 Euro, was inklusive Aufgeld 1,1 Millionen Euro ausmacht.

Damit konnte van Ham die Kölner Konkurrenz zumindest auf Platz vier der diesjährigen Bestenliste verweisen. Lempertz rangiert hier mit einem leuchtenden Blumenstillleben von Alexej von Jawlensky, das deutscher Handel von geschätzten 200 000 auf 785 000 Euro hob. Mit insgesamt 36,5 Millionen Euro bleibt Lempertz jedoch das umsatzstärkste unter den deutschen Auktionshäusern, gefolgt von der Villa Grisebach mit knapp 26 Millionen Euro. Bereits Ende Mai erzielte Heinrich Campendonks „Blumenbild“ bei Lempertz einen Hammerpreis von 650 000 Euro und damit einen Rang, den man sich mit einem „Artistenpaar“ von Otto Müller teilt, das im Dezember zum Spitzenlos bei Ketterer wurde. Das Münchener Auktionshaus verbuchte mit einem Jahresumsatz von 19,3 Millionen Euro ebenso einen Anschluss an das Rekordjahr 2007 wie van Ham in Köln, wo rund 20 Millionen erzielt wurden und zudem der höchste Preis für einen Zeitgenossen. Fernando Boteros Bronze „La Pudeur“ liegt mit dem Zuschlag von 500 000 Euro auf Platz sechs.

Bei den Zeitgenossen erfreute sich Günther Uecker großer Beliebtheit, von dem in der deutschen Herbstsaison zehn Lose im sechsstelligen Bereich abgesetzt wurden. Anfang Dezember brachte eine unbetitelte Nagelarbeit aus ZERO-Zeiten bei Lempertz mit 350 000 Euro einen neuen Weltrekord für den 1930 geborenen Künstler. Der Anteil der zeitgenössischen Kunst lag bei Lempertz im Herbst bei 45 Prozent und rückt damit kräftig zur klassischen Moderne auf. Der Uecker-Rekord wurde allerdings drei Tage später bei Sotheby’s in Paris mit knapp 445 000 Euro neu gesetzt.

In weit geringeren Margen bewegt sich die Fotografie. Zum Highlight des Jahres reüssierte bei Grisebach Mies van der Rohes „Gläserner Wolkenkratzer“. Das kühne Bauwerk wurde zwar nie realisiert, doch eine Aufnahme des Entwurfs von 1922 sorgte mit 84 500 Euro für Furore. Als zweitteuerste Fotografie behauptete sich „Buchenwald im November“ von Albert Renger-Patzsch bei van Ham (40000 Euro).

Insgesamt scheint die Kauflust in deutschen wie internationalen Auktionshäusern ungebrochen, und auch die Klientel meldet sich vorsichtig zurück. So sprachen die moderaten Taxen in diesem Jahr sowohl die Sammler im Millionenbereich als auch den Bieter im gehobenen Mittelfeld an und bescherten den Häusern solide Umsätze. Für den einzigen kleinen Skandal dieses Jahres sorgte Martin Kippenberger. Sein Bild „Paris Bar“ wurde für knapp 2,3 Millionen Pfund in London bei Christie’s versteigert. Dass der Maler 1991 wie so oft einen Assistenten mit dem Motiv betraute, war wohl allen klar. Das beeilte sich selbst Charles Saatchi zu sagen, der das Gemälde nun besitzt. Nur hat es keiner laut gesagt.

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