Auktionen : Schwach werden

Solider Start für Klassische Moderne – die Frühjahrsauktionen bei Grisebach.

Christiane Meixner

Wer auffallen will, sitzt in der letzten Reihe. Diese eigenwillige Beobachtung ließ sich gestern in der Villa Grisebach machen, als Peter Graf zu Eltz die Losnummer 41 aufrief. Das Spitzenwerk des Abends, Max Beckmanns „Nachtgarten bei Cap Martin“ von 1944. Mindestens 800 000 Euro wollte das Berliner Auktionshaus für die düstere Natur im Mondlicht haben, 1 120 000 Euro wurden es. Das letzte Gebot kam allerdings nicht aus dem Hauptsaal, in den nicht alle Interessenten passten. Sondern aus der Etage darüber, wo man die Versteigerung in Live-Übertragung sehen und sich bei Bedarf einmischen kann. Was der Beckmann-Käufer so diskret tat, dass über Minuten unklar war, wer da überhaupt bietet. Bis dann alle Sympathie jenem Sammlerpaar galt, das sich schließlich gegen die Konkurrenz aus dem unteren Saal durchsetzte. Applaus dafür gab es dann allerdings von allen Seiten.

Solche Momente waren in der aktuellen Frühjahrsauktionen allerdings selten. Gleich die ersten Bilder der „Ausgewählten Werke“ gingen zurück. Das Publikum erwärmte sich erst für den „Studienkopf einer jungen Dame“ von Wilhelm Leibl, das auf 40 000 Euro stieg (Taxe: 20 000-30 000 €) und kämpfte eifrig um eine Nachtszene von Lesser Ury (126 000 €), ließ dann aber ein Stillleben von Lyonel Feininger ungerührt wieder gehen. Genau wie ein Blumenstück von Max Liebermann und ein Aquarell von Ernst Ludwig Kirchner, denen der charakteristische Duktus ihrer Maler fehlte.

Das Angebot ist sichtbar geschrumpft, potenzielle Einlieferer lähmt die Angst vor fallenden Preisen – nicht zuletzt, weil sie selbst während der Hausse eingekauft und deshalb hohe Summen für ihre Preziosen bezahlt haben. Was dennoch auf den Markt kommt, wird von den Käufern noch lange nicht akzeptiert, bloß weil es von Paula Modersohn-Becker, Lovis Corinth oder Oskar Schlemmer stammt. Die beiden Gemälde des Bauhaus-Lehrers für mindestens 200 000 und 500 000 Euro waren wohl die größte Enttäuschung für Grisebach. Die Gebote blieben weit unter Erwartung. Dass gleich darauf ein kubistisches Strandsujet von Feininger für 280 000 Euro seinen Besitzer wechselte und sich auch für die „Exotische Prinzessin“ von Georg Scholz (250 000 €) ein Käufer fand, obwohl das futuristische Motiv untypisch für den Künstler ist, weist in die ähnliche Richtung: Geld für Kunst ist da. Es wird aber sorgfältig abgewogen und mit Bedacht ausgegeben.

In der Foto-Auktion am Tag zuvor flogen die Finger bei Grisebach häufiger hoch. Das solide Angebot hielt aber auch andere Preise bereit. Schon für ein paar hundert Euro fanden einige Lose neue Sammler. Gestritten wurde um Marilyn Monroe, die Alfred Eisenstaedt 1953 aufgenommen hatte. Die Kamerateams warteten derweil auf ein Aktfoto von Carla Bruni. Eine Nacktaufnahme des ehemaligen Models hatte 2008 bei Christie’s in Paris über 60 000 Euro erzielt. In Berlin gab es „Carla Bruni im Bett“ für einen Schätzwert von 2500 Euro. Ob der schwarzweiße Abzug (1994) von Pamela Hanson nun ähnlich erfolgreich sein würde, war die Frage. Tatsächlich kletterte das Bild von der unteren Taxe auf ein Mehrfaches und gipfelte schließlich in 11 000 Euro. Eisenstaedts Monroe war auf ein Minimum von 8000 Euro geschätzt und brachte 20 500 Euro.

Auch im Fotobereich ist die Akquise schwieriger geworden, bestätigen Experten. Sie sichten nun wieder Material, das es lange nicht mehr auf den Auktionsmarkt schaffte. Eine Chance für Sammler, die bei Grisebach fotografische Highlights wie die „Brooklyn Bridge“ von Andreas Feininger (1942) für 4000 Euro, ein Küchenstillleben von Gisèle Freund (1938) für 1500 oder eine großartige Abstraktion von Marta Hoepfner für 1200 Euro ersteigern konnten, die 1934 „Äste im Schnee“ auf Linienspiele reduzierte. Und ein Experiment für das Auktionshaus, das ausloten muss, was diese selten kursierende Fotografie wert ist. So klopfte sich Peter Graf zu Eltz tapfer durch ein Konvolut von Bildern, dass einige Rückgänge und Verkäufe unter dem offiziellen Mindestpreis, dafür aber auch Überraschungen bereithielt.

Ein Streit entspann sich etwa um ein Hafenbild aus Vogelperspektive, das Nikolai Kossikoff um 1930 in Gent aufgenommen hatte und das erst beim dreifachen Schätzpreis von 500 Euro seinen Besitzer wechselte. Ein Foto des Künstlers Dieter Appelt (1979), das ihn nackt während einer Aktion 1979 zeigt, stieg von 800 Euro Mindestgebot auf 2000 Euro. Und ein Vintage von Curt Rehbein, das die Friedrichstraße der 20er Jahre mit Mies van der Rohes kühnem Glashochhausprojekt im Hintergrund zeigt, kletterte von 5000 auf 16 000 Euro.

Mit dem nächsten Los stand zugleich eine Neubewertung an. Es präsentiert van der Rohes nie gebauten Wolkenkratzer als kühnes Modell auf einem Rehbein-Foto, für das ein Unternehmer 2007 im Berliner Auktionshaus Jeschke, Hauff & Auvermann utopische 100 000 Euro geboten, aber nie bezahlt hatte. Das Foto ging an den Einlieferer zurück und wurde nun ein zweites Mal versteigert – diesmal zum reellen Preis von 39 000 Euro.

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