Auktionen : Sotheby’s und Christie’s: Deine Dämonen

So viel deutsche Kunst der 60er war lange nicht im Angebot. Überall Spitzenware: Die Londoner Auktionen von Sotheby’s und Christie’s.

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Rockbird. 1980 porträtierte Warhol Debbie Harry, die Frontfrau der amerikanischen New-Wave-Band Blondie.
Rockbird. 1980 porträtierte Warhol Debbie Harry, die Frontfrau der amerikanischen New-Wave-Band Blondie.Foto: Sotheby’s

Christian Graf Dürckheim-Ketelhodt ist ein verschwiegener Mann. Laut solchen, die ihn kennen, weiß der in London lebende Finanzier mit seinen Aufsichtsratsposten und Firmenbeteiligungen genau, was er tut. Warum der verschwiegene Kunstsammler seine Sammlung deutscher Kunst der sechziger Jahre nun bei Sotheby’s versteigern lässt, ist ebenso rätselhaft wie die Frage, weshalb er keine Preisgarantien verlangt – vor allem wenn er, wie vermutet wird, Geld braucht. Interviews gibt er nicht. Er habe inzwischen neue Kunstinteressen, ließ er über den Auktionator mitteilen. Dazu gehört eine große Sammlung mit Werken des Wiener Aktionisten Hermann Nitsch.

Einem Marktkenner erscheint die Schätzung von 33 Millionen Pfund für die 59 Werke so lächerlich, dass er fürchtete, hier werde wertvolle Kunst verschleudert. Sotheby’s-Expertin Cheyenne Westphal, die freie Hand bei den Schätzungen hatte, freut sich dagegen auf lebhafte Bietgefechte: „Ich denke, es wird sehr gut laufen.“ Auf zwei bis drei Millionen Pfund ist beispielsweise „Die große Nacht“ taxiert, Baselitz’ erste Version seines Skandalbildes „Die große Nacht im Eimer“, das 1963 in der Berliner Galerie Werner als Pornografie beschlagnahmt wurde. Heute hängt das in der Kölner Sammlung Ludwig. Baselitz hat drei Versionen gemalt. Die dritte hängt als Künstlerleihgabe im Rotterdamer Boijmans Van Beuningen Museum. Gegenüber der „Großen Nacht“ hing bei der Vorbesichtigung „Spekulatius“, eines der begehrten Heldenbilder, und auch hier hängt dem Helden etwas aus dem Hosenladen.

Die sechziger Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs für die deutsche Kunst. Seit 1945 herrschte die Abstraktion und vertrieb alle gesellschaftlichen und historischen Bezüge aus der Kunst. Nun wollte eine neue Generation zu Stellungnahme, Gesinnung und Figuration zurückfinden. Anführer waren Georg Baselitz und Eugen Schönebeck mit ihrem pandämonischen Manifest, und die DDR-Emigranten Gerhard Richter und Sigmar Polke, die sich mit dem Düsseldorfer Konrad Lueg dem „kapitalistischen Realismus“ verschrieben. Polkes riesiges Rasterbild „Dschungel“, mit 160 x 245 cm doppelt so groß wie das Bild des Franz von Bayern, das 2007 mit 2,7 Millionen Pfund den Auktionsrekord für Polke brachte, ist das höchst taxierte Los der Auktion. Drei bis vier Millionen Pfund soll es kosten. Im Angebot ist auch eine Serie von mittelformatigen Arbeiten Richters im Preisbereich von zwei bis drei Millionen. „Bei denen wissen wir, was sie kosten. Baselitz und Polke dagegen sind unterbewertet“, sagt Westphal. Ganz wenig weiß man über das Preisniveau für Frühwerke von Künstlern wie Lueg, Stoffbildern von Blinky Palermo oder gar Eugen Schönebecks „Bildnis“. Schönebeck gab die Kunst auf, zerstörte viele Werke, aber wurde gerade mit einer Retrospektive in Frankfurt wiederentdeckt: Das neu erstellte Werkverzeichnis erwähnt nur 35 Ölgemälde. „Bildnis“ ist nun versuchsweise auf 300 000-400 000 Pfund gesetzt. Die Sammlung Dürkcheim dürfte dieser Gruppe, mit Ausnahme Richters noch eher maßvoll gehandelten Malern wie Baselitz und Polke Auftrieb geben. Toppreise wird es in den stark besetzten Auktionen aber vor allem für Bilder von Warhol, darunter ein Porträt der Sängerin Debbie Harry (3,5-5,5 Mio. Pfund), und Francis Bacon geben. Sein im dunklen Käfig gefangener „Suited Man“ von 1953 ist mit elf Millionen Pfund Christie’s Spitzenreiter, Sotheby’s Abendauktion wird von einem Frauenakt der frühen Sechziger angeführt. Weil das nicht gerade Bacons Spezialität ist, sind sieben bis neun Millionen Pfund angesetzt. Zusammen erwarten Sotheby’s Christie’s und Philip de Pury Umsätze von rund 150 Millionen Pfund allein in den Abendauktionen.

Denn London hebt mit einer außergewöhnliche Serie von Spitzenauktionen die Umsätze gerade wieder auf Höchstniveau. Bei der modernen Kunst wurden diese Woche 272 Millionen Pfund umgesetzt – die Hälfte davon bei Christie’s grandioser Abendauktion, die durch den Kunstnachlass des Basler Starhändlers Ernst Beyeler aufgewertet war. Insgesamt wurden diese Woche 50 Werke für mehr als eine Million Pfund versteigert, Deutsche Kunst hatte eine besonders glanzvolle Woche. Star war ein Gemälde von Paul Klee, „Tänzerin“, das einen Rekordpreis von 4,2 Millionen Pfund brachte. Noch heftiger wurde um ein kleines Tunesien-Aquarell von August Mackes gekämpft, ein leuchtendes Blatt, das ein deutscher Sammler vor 50 Jahren bei Ketterer ersteigerte und das seiner Familie nun fast vier Millionen Pfund brachte. Das kleine Blatt zog damit am bisherigen Höchstpreis vorbei, der für das Ölgemälde „Zwei Frauen vor dem Hutladen“ bezahlt worden war.

Picasso war wieder der Star. Christie’s hatte drei Porträts seiner Geliebten: Eines von Marie Thérèse für 13 Millionen („Jeune fille endormie“), die „Buste de Françoise“ der Sammlung Beyeler für elf Millionen und eine Dora Maar von 1939 für 18 Millionen Pfund. Toplos der Woche war Schieles Gemälde „Häuser mit bunter Wäsche“ aus der Sammlung Leopold. Es brachte 24,6 Millionen Pfund für das Wiener Museum, das damit den Rückkauf des 1998 in New York als NS-Beutekunst beschlagnahmten Schiele-Porträts seiner Geliebten Wally finanziert. Ein widerwilliger Akt der Restitution.

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