Auktionen : Sterne am Abendhimmel

Seid umschlungen Millionen, könnte das Halbjahres-Fazit deutscher Auktionshäuser lauten. Deutsche Auktionshäuser befinden sich auf Spitzenkurs.

Michaela Nolte

Seid umschlungen Millionen, könnte das Halbjahres-Fazit deutscher Auktionshäuser lauten. Des Marktes Ode an die Freude vermeldet Umsatzzuwächse bis zu 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, Rekorde und Bestergebnisse landauf, landab. Nicht nur die Marktführer, auch Versteigerer, deren Margen für gewöhnlich bescheidener ausfallen, konnten sich über Einzelzuschläge im siebenstelligen Bereich freuen.

Bei Hauswedell & Nolte in Hamburg stieg ein Ölbild auf Karton von Alexej Jawlensky auf 1,93 Millionen Euro inklusive Aufgeld. Ebenfalls zur doppelten Taxe veräußerte Neumeister in München Bridget Rileys „Byzantinum“ für rund 1,65 Millionen Euro. „Das ist weltweit das zweitbeste Ergebnis für die Britin und das höchste Ergebnis für ein zeitgenössisches Werk im deutschen Auktionshandel“, so die Auktionatorin Katrin Stoll. Sieht man von den 2,6 Millionen Euro ab, die Gerhard Richters „Abstraktes Bild“ 2002 auf der Elbehochwasser-Auktion in Berlin einspielte, ist das außer Konkurrenz auf einer Benefiz-Auktion.

Das Gros der Spitzenpreise erzielte einmal mehr die Klassische Moderne. Gleich drei Gemälde von Emil Nolde nahmen die Zwei-Millionen-Hürde. Zum teuersten Los der Saison avancierte das über 30 Jahre lang verschollene Porträt „Nadja“ bei Ketterer. Im Münchener Auktionshaus brachte das Kleinformat inklusive Aufgeld 2,58 Millionen Euro und einen neuen Nolde-Rekord. In der Villa Grisebach spielten Noldes „Kleine Sonnenblumen“ 2,26 Millionen und „Abendhimmel“ 2,14 Millionen Euro ein. Mit dem Spitzenlos der Berliner Abendauktion verbuchte man zudem einen dritten Millionenzuschlag: 2,38 Millionen Euro für Ernst Ludwig Kirchners „Landschaft am Ufer (Fehmarn)“.

All das ist weit entfernt von den Milliardenumsätzen auf dem US-Markt. Doch gerade darin sehen hiesige Auktionatoren einen Vorteil des Standorts. „Unsere Kunden kommen vor allem aus dem Mittelstand. Da geht es nicht um Spekulationen, sondern um substanzielle Werte. Das ist eine profunde Basis“, sagt Bernd Schultz von der Villa Grisebach. „Nach dem fulminanten Frühjahr liegt es im Bereich des Möglichen, dass wir zum ersten Mal in der Geschichte des Hauses einen Jahresumsatz von 50 Millionen erreichen.“

Nur die Händler der Alten Kunst stimmen derzeit Klagelieder an. Mangelnden Erfolg und Desinteresse seitens der Öffentlichkeit monierte kürzlich der Deutsche Kunsthandelsverband (Tagesspiegel vom 21. Juli). Markus Eisenbeis von Van Ham hält dieses Problem jedoch für hausgemacht. „Natürlich zieht die Alte Kunst momentan nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich, aber sie stagniert auch nicht. Es gab keine exorbitanten Einzelzuschläge, dafür hatten wir auf der Altmeister-Auktion im April sechs neue Weltrekorde“, so der Inhaber des Kölner Auktionshauses. „Die Alte Kunst ist erschwinglich und historisch bestätigt, darin liegt ihr Potenzial.“

Der Kunst vergangener Jahrhunderte widmet sich auch Bassenge in Berlin. Wenngleich dieses Mal ein Zeitgenosse das Rennen machte: Richard Pettibones „Andy Warhol, 25 Flowers“ kletterte von 15 000 auf 92 000 Euro. „Man muss sich bemerkbar machen und die neuen Medien nutzen“, sagt Tilman Bassenge. „Bei den Altmeistern sind immer wieder große Sprünge möglich.“ Die lagen zwar in moderaten Regionen, wie eine Radierung von Hendrik Goudt, die mit einem Hammerpreis von 20 000 Euro die Erwartungen verfünffachte, trugen aber insgesamt zu einem Umsatzplus von 30 Prozent bei.

Auch im Kunsthaus Lempertz teilt man den Verbandspessimismus nicht. „Die Umsätze für Alte Kunst und Kunstgewerbe sind gut, sie werden nur vom Höhenflug der Zeitgenossen überschattet“, sagt Takuro Ito. „Mit neuen Ideen kann man immer noch neue Käuferschichten gewinnen. Zum Beispiel unsere Auktionen in Berlin mit Objekten, die einen Berlin-Bezug haben, die werden begeistert aufgenommen“, so der Lempertz-Experte für Alte Kunst.

Spitzenzuschläge gehen aber auch in Köln auf das Konto der Klassischen Moderne. Eine Gouache Fernand Legérs wurde mit 1,28 Millionen bedacht, ein Gipsentwurf Alberto Giacomettis mit 1,59 Millionen Euro. Die größte Dynamik verzeichnet Lempertz allerdings bei der Zeitgenössischen Kunst. Die Verkaufsquote betrug 99 Prozent der Schätzung, und eine Video-Skulptur von Nam June Paik (256 000 Euro) erzielte einen Weltrekord. „Natürlich können wir nicht mit New York oder London konkurrieren; aber gerade im fünfstelligen Bereich sind die Zeitgenossen ungemein stark, und das ist ein solides Rückgrat. Die Gefahr einer Blase betrifft uns nicht“, resümiert Ito.

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