Kultur : Auktionshaus Bassenge: Freiliegende Muskeln

Markus Krause

Die Schaurigkeiten der umstrittenen Ausstellung "Körperwelten" sind ein Klacks dagegen: Bloß und seiner schützenden Hülle beraubt reckt sich der menschliche Arm uns entgegen, Muskeln und Sehnen im eisernen Griff von scharfen Spangen und Zangen. Ein Tuch, locker drapiert über dem Oberkörper des Leichnams, suggeriert Pietät und diskrete Zurückhaltung - und lenkt die Aufmerksamkeit nur um so stärker auf die freiliegende Innenwelt. Sensationslust präsentiert sich nicht erst seit heute im Deckmantel der Aufklärung, Gerard de Lairesses anatomische Radierung "Die Muskeln des Armes" entstand 1685. Sein Beispiel zeigt, dass Inszenierungen dieser Art aber durchaus künstlerischen Wert haben können.

Wie breit gefächert das Spektrum der Kunst ist, offenbart auch in diesem Jahr das Angebot von Bassenge, dessen Frühjahrsauktion mit über 1500 Kunstwerken von der frühen Neuzeit bis zum 20. Jahrhundert am 18. und 19. Mai stattfindet. Breit gefächert sind auch die Preise. Während die Radierung von Lairesse schon für um die tausend Mark zu haben ist, bewegen sich andere Werke in fünf- und sechsstelligen Regionen. Albrecht Dürers wunderbarer Kupferstich der schwebenden "Nemesis", um 1501 / 02, zählt mit einem Schätzpreis von 120 000 Mark zu den Spitzenstücken, Rembrandts Radierung des lehrenden Christus, ein herrlicher Frühdruck des um 1652 geschaffenen Blattes, soll immerhin 60 000 Mark kosten. Eine besondere Pretiose sind die kapriziösen, höfisch-eleganten "Drei Heiligen Frauen (Die drei Marien zum Grabe gehend)" des französischen Manieristen Jacques Bellange. Der Künstler hat sich mit einem solchen Furor auf die Faltenwürfe der üppig wogenden Gewänder gestürzt, dass das gestellte Thema völlig in den Hintergrund gerät (Taxe 15 000 Mark).

Traditionell auf Grafik und Druckgrafik spezialisiert, hält das Auktionshaus diesmal auch eine Reihe von interessanten Gemälden parat, besonders im 19. Jahrhundert. Mit unvergleichlich unschuldiger Anmut schwelgt "Die Sentimentale" von Johann Peter Hasenclever im Anblick des nächtlichen Mondes, nicht ahnend, dass ihre von Kerzenlicht beschienene nackte Schulter Begehrlichkeiten beim Betrachter wecken könnte (um 1846 / 47, 38 000 Mark). Klein und unendlich verloren schreitet der Mann mit Stock und Hut durch die tiefe Schlucht, die der romantische Maler Eduard von Buchan 1833 effektvoll in Szene setzte (Schätzpreis 32 000 Mark), während Anton von Werners historisierende Darstellung zweier Männer "In vertraulicher Unterhaltung" von 1868 durch seine niedrige Preiserwartung zu verblüffen vermag (1800 Mark). Ein ungewöhnliches Zeugnis Berliner Kunst- und Kulturgeschichte bildet das Gemälde des Kunsthändlers Hermann Pächter in seinen Galerieräumen, das der wenig bekannte Künstler Rudolf von Voigtländer im Jahre 1895 malte. Wer genau hinschaut, entdeckt an der Galeriewand zwei Ölbilder von Adolph von Menzel, mit dem den Kunsthändler eine lebenslange Freundschaft und Geschäftsbeziehung verband (Taxe 12 000 Mark).

Eher enttäuschend ist das Angebot im 20. Jahrhundert, wenngleich auch hier Entdeckungen zu machen sind. Ob Max Beckmanns bedrängende Litho-Folge "Stadtnacht" von 1920, immerhin ein grafisches Hauptwerk des Künstlers, wirklich beim angesetzten Schätzpreis von 15 000 Mark bleiben wird? Ob Tsuguharu Foujitas um 1930 in Paris gedruckte Mappe "Les chats", die zehn Farbradierungen mit Darstellungen von Katzen enthält, tatsächlich 200 000 Mark einspielen wird? Auf der sicheren Seite dürfte man mit Heinrich Zille sein, von dem mehrere Farbzeichnungen zur Verfügung stehen. Vielleicht am schönsten sind die turbulenten "Badefreuden am Strandbad Wannsee" (40 000 Mark). Das könnte aber auch am Thema liegen: Die Freibäder haben vor wenigen Tagen eröffnet!

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