Kultur : Auktionshaus Phillips: Berauschende Bilder

Markus Krause

Unbedingt anschauen! Nur selten erscheint es angemessen, einen Zeitungsartikel mit einer direkten Aufforderung zu beginnen - aber mindestens ebenso selten ist eine so konzentrierte Auswahl von Meisterwerken der deutschen Klassischen Moderne zu sehen wie jetzt in der Berliner Niederlassung von Phillips am Kurfürstendamm. Das Auktionshaus zeigt heute expressionistische Bilder aus dem Besitz von Diethelm Hoener, die am 5. November in New York versteigert werden sollen. Die fast durchgehend überragende Qualität der Werke von Macke, Nolde, Schmidt-Rottluff, Heckel, Grosz und anderen erscheint um so bemerkenswerter, als der deutsche Investment-Banker Hoener, der kürzlich überraschend verstarb, erst vor etwa 15 Jahren mit dem Aufbau seiner Sammlung begonnen hatte.

Nicht nur die Bilder, auch ihre Geschichte ist faszinierend. August Mackes hinreißendes kleines Ölbild "Badende Mädchen" von 1913 gehörte einst dem berühmten Kölner Kunstsammler Joseph Haubrich, der seine Kollektion nach dem Zweiten Weltkrieg dem Wallraf-Richardz-Museum stiftete (Taxe 600 000 Dollar). Die dadaistische Materialcollage "Merzbild 49" von Kurt Schwitters (1922, Taxe 120 000 Dollar) befand sich ab 1939 im Besitz von Solomon R. Guggenheim, New York, während Emil Noldes 1911 in Berlin gemalter "Teetisch", eine skurrile Versammlung spitznasiger alter Schachteln, zu Lebzeiten nie das Atelier des Künstlers verlassen hat (Taxe 1 Million Dollar). Von Nolde stammt auch eine herrliche, in dieser Güte sehr seltene Suite von vier figürlichen Blättern in Aquarell und Deckfarben aus den frühen dreißiger Jahren, die jeweils zwischen 80 000 und 250 000 Dollar kosten sollen.

Hoener hat sich beim Erwerb seiner Bilder exzellent beraten lassen - der Katalog nennt bei der Provenienz immer wieder den Namen des Bremer Kunsthändlers Wolfgang Werner, der auch eine Filiale in Berlin unterhält. Die beiden bedeutendsten Stücke stammen jedoch aus anderer Quelle: 1909 malte Erich Heckel während des ersten Aufenthalts der "Brücke"-Künstler an den Moritzburger Seen bei Dresden die "Gruppe im Freien" (1,8 Millionen Dollar), eine arkadische Szene, die Pechstein und Kirchner in fast identischer Form aufgegriffen haben. Das Bild ist ein hervorragendes Zeugnis für den kollektiven "Brücke"-Stil der Jahre 1909/10, bevor die Künstler in die brodelnde Metropole Berlin übersiedelten. Unbestrittenes Toplos der Veranstaltung ist jedoch Karl Schmidt-Rottluffs "Lesende" aus dem Jahr 1911, ein berückendes Stück Malerei, ungeheuer kraftvoll in der Farb- und Formgebung, zugleich überaus sensibel in der Erfassung des in die Lektüre versunkenen Menschen (1,8 Millionen Dollar). Ob es sich, wie vermutet, bei der Dargestellten um die expressionistische Dichterin Else Lasker-Schüler handelt, ist ungeklärt - ebenso unklar wie das spannendste Ereignis in der Biografie dieses Bildes. Ursprünglich gehörte die "Lesende" dem bekannten Expressionismus-Förderer Alfred Heß, der das Bild 1919 dem Angermuseum in Erfurt schenkte, das bis zur Machtergreifung der Nazis eine der qualitätvollsten Sammlungen des Expressionismus in Deutschland beherbergte. 1937 wurde es als "entartet" beschlagnahmt. 1939 taucht dann ein neuer Besitzer auf, ein gewisser J. A. Benkert aus Berlin, der das Bild im Tausch gegen einen Courbet erwarb. So steht es fein säuberlich auf der Rückseite der Leinwand geschrieben. Leider hat es Benkert versäumt, auch den Namen des Anbieters zu notieren. War es vielleicht einer der Kunsthändler, die im Auftrag der Nazis die "entartete" Kunst ins Ausland verkaufen sollten? Benkert ist lange tot, wir werden es wohl niemals erfahren.

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