Auktionsherbst : Flüssig bleiben

Christie’s und Sotheby’s hoffen auf einen großen Auktionsherbst: Der Herbst wird die Probe aufs Exempel. Er soll zeigen, ob der Kunstmarkt, wie Analysten bis hinauf zu Sotheby’s-Chef Bill Ruprecht nach der Sommersaison festgestellt haben wollen, die Talsohle erreicht hat und es nun wieder aufwärtsgeht.

Matthias Thibaut

Man beginnt aber vorsichtig mit dem Marktest: Die Contemporary-Auktionen werden am 21. September in London mit einer Wohltätigkeitsauktion für Afrika bei Sotheby’s eröffnet. David Bowie hat ein Werk spendiert, auch Annie Lennox. Da können sich die Werke der wirklichen Stars wie Marlene Dumas, Marc Quinn, Antony Gormley oder Tuchkünstler Yinka Shonibare noch ein bisschen verstecken. Im Oktober folgt die Londoner Kunstmesse Frieze Art Fair, gekoppelt mit Auktionen. Es wird turbulent zugehen, aber wird auch verkauft? Sotheby’s hat für seine Auktion ein Paar gemalte Totenschädel aus der Damien- Hirst-Werkstatt auf bis zu 280 000 Pfund geschätzt, ein Keramikgefäß von Grayson Perry soll bis zu 50 000 Pfund kosten – Ausverkaufspreise sind das nicht.

Aber warum sollte es nicht funktionieren? Londons Banker werden in diesem Jahr schon wieder vier Milliarden Pfund an Prämien einstreichen. Das ist zwar nur die Hälfte der Ausschüttung im Kunstmarkt-Wunderjahr 2007, aber mehr als im Rezessionsjahr 2008. Wenn die Hüter der Finanzmoral auf dem G-20-Gipfel keinen Strich durch die Rechnung machen, wird der cash flow in den Kunstmarkt von dieser Seite schon wieder auf dem Niveau von 2006 liegen. Die „Vertrauensbarometer“ des Kunstmarkts zeigen nach oben. Der Artprice Index stieg um fast fünf Prozent, laut Art Tactic glauben rund zwei Drittel der Kunstkäufer, dass die Preise im nächsten Jahr wieder steigen. Der Herbst wäre genau der richtige Zeitpunkt, um wieder einzusteigen.

Als die Auktionshäuser jüngst Bilanz zogen und Christie’s „nur“ einen Umsatzrückgang von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahreshalbjahr meldete, schien alles halb so schlimm. Aber das Ergebnis wurde vom Ausnahmeerfolg der Yves- Saint-Laurent-Versteigerung bestimmt. Die nächste YSL-Auktion wird bescheidener sein: Im November steht in Paris das Mobiliar der Ferienvilla in Deauville zum Erwerb. Es ist auf 5,7 Mio. Euro geschätzt.

Wie es wirklich aussieht, zeigte die nach den Börsenregeln auf mehr Transparenz getrimmte Bilanz von Sotheby’s: Dort lag man 66 Prozent unter dem Vorjahresvergleich, und der Gewinn im zweiten Quartal brach gegenüber dem Vorjahr um 87 Prozent ein. Was bedeutete, dass Sotheby’s nach drei Negativquartalen überhaupt wieder Gewinn machte. „Wir sind in einer starken Position, um vom Aufschwung zu profitieren“, erklärte Unternehmenschef Ruprecht und versprach für den Herbst „kraftvolle Auktionsaktivität“.

Die Kreditagentur Moody hat soeben Sotheby’s Kreditrating unter den vertrauensbildenden „Investment Grad“ herabgestuft. Fast gleichzeitig vereinbarte Sotheby’s eine neue Kreditlinie von 200 Millionen Dollar mit General Capital – ein Teil davon wird zur Vergabe von Kunstkrediten an die Sammler eingesetzt. Gerade in schweren Zeiten muss man den Kunstmarkt liquide halten. Alle stehen also bereit und warten auf die „kraftvolle Auktionsaktivität“. Viel wurde noch nicht angekündigt. Die Auktionen in Hongkong sind ehrgeiziger und zielen auf größere Umsätze. Auch die Kunstmesse in Neu- Delhi und Auktionen indischer Kunst zeigen, dass der Aufschwung durch die Stärke der asiatischen Wirtschaften am besten gestützt werden dürfte. Vielleicht hat der Markt im November wieder Tritt gefasst, wenn marktfrische Impressionisten von den Erben des Pariser Kunsthändlers Durand-Ruel versteigert werden. Aber auch das sind keine Knüller, mit denen der Hochpreismarkt wieder in Gang kommen kann, sondern nur sieben angenehme, kommerzielle Impressionisten. Am teuersten ist ein Mädchenbild von Renoir für mindestens 2,5 Mio. Dollar.

Der Kunstmarkt kann einen Vertrauensschub gebrauchen. Gut, dass der in Frankfurt lebende Künstler Mike Bouchet im Rahmen eines Projekts auf der Frieze Art Fair den Motivationsredner Alex MacPhail anheuern will. Er soll Händlern und Sammlern mit „inspirational talks“ helfen, ihr Kunstmarktpotenzial zu entfalten.

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