Kultur : Aura des Ruhms

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von Christiane Tewinkel

In dem Augenblick, wo man eben darüber nachdenkt, ob die körperliche Reaktion auf Verbalinjurien in ihrer verzweifelten Aufrichtigkeit nicht doch eine gewisse Würde hat, in dem Moment, wo man überlegt, wie viel dran ist am Sloterdijkschen Bild vom Fußball als „anthropologischer Versuchsanordnung“, in dem Männer „protoartilleristische Jagderfolgsgefühle“ nacherleben – da kehrt sich alles um. Zidane hat sich für sein Verhalten bei den zusehenden Kindern entschuldigt. Trotzdem kein Bedauern gezeigt. Materazzi habe „die schlimmen Worte“ mehrmals wiederholt; „er hatte kein Recht dazu“. Er hätte lieber, sagt Zidane, einen Schlag ins Gesicht bekommen, als Materazzis Worte zu hören.

Ist das Wort tatsächlich stärker als die Tat? Sogar auf dem Stellvertreterkriegsschauplatz „Fußballstadion“? Und bei einem Massenspektakel, dessen läuternde Wirkung sich doch nur dem erschließt, der sich auf Blut, Schweiß und Körperlichkeit einlässt, wenn auch aus der sicheren, deswegen nicht minder voyeuristischen Distanz?

Nur der liebe Gott wisse, schreibt der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe in seinem Campus-Roman „Ich bin Charlotte Simmons“, was der Körper wirklich für den Geist tun kann und der Sport für die Intellektualität. Ein „subtiler und zugleich grandioser Mechanismus“ sei an den amerikanischen Eliteuniversitäten am Werk, der Aufschein vorzivilisatorischer Ideale: „Der Spitzensport umgab alles an einer Universität mit einer Aura des Ruhms und wirkte sich auf lange Sicht auf alles förderlich aus.“ Erfolgreiche Trainer: Halbgötter. Die Sportler: Abgesandte anderer Planeten.

Dass Zidane diese Parallelwelt sichtbar macht und beim Paradigmenwechsel zum pseudo-friedfertigen Verbalgefecht buchstäblich nicht mitspielt, ist ebenso konsequent wie der Entschluss, nur ein Partialgeständnis, eine Teilentschuldigung abzugeben. Verbale oder körperliche Gewalt, das tut sich nichts auf dem Platz. Wer Zidane des Atavismus bezichtigt, kann nicht im Sessel sitzen und dankbar sein, dass andere die Drecksarbeit erledigen.

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