Kultur : Aus allen Ritzen fällt der Silbenschnee

Jedes Wissen lebt in seiner Zeit: Das Grimm’sche Wörterbuch findet seine Fortsetzung im Internet

Thomas Wegmann

Der Zeitpunkt hätte kaum delikater sein können: Während man sich letzte Woche in Frankfurt über Autorschaft und Urheberrecht in Zeiten von Google Books und Open Access sorgte (vgl. Tagesspiegel vom 17.7.), meldete die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, dass die Neubearbeitung von Grimms Wörterbuch 2012 ende und danach im Internet fortgesetzt werde.

Mit anderen Worten: Eines der renommiertesten Bücher deutscher Sprache hört auf, Buch zu sein, und wird zu einem digitalen Datensatz, der nur auf der Benutzeroberfläche als Alphabetschrift erscheint. Damit geht das Deutsche Wörterbuch (DWB) den Weg so manchen Nachschlagewerks, das aus Zeit-, Kosten- und Konkurrenzgründen die Gutenberg-Galaxis verlässt, um nunmehr online verfügbar zu sein. Dort ist das DWB indes längst angekommen – zumindest in der 1960 fertiggestellten Erstausgabe: eine einzige Internetadresse (www.dwb.uni-trier.de) für 32 raumgreifende Bände. Die Geschichte des DWB dürfte damit noch nicht am Ende sein.

Begonnen hat sie 1830, als der Verleger Karl Reimer den Germanisten Jacob und Wilhelm Grimm wiederholt vorschlug, ein neuhochdeutsches Wörterbuch herauszugeben. Ebenso wiederholt haben die beiden viel beschäftigten Universitätsprofessoren das aufwendige Unternehmen zunächst abgelehnt. Dass es dennoch zustande kam, ist einem Politikum geschuldet, nämlich der Entlassung der Brüder aus ihren Göttinger Professorenämtern wegen angeblich staatsfeindlicher Gesinnung.

Erst danach willigten sie 1838 in ein Großprojekt ein, das ihnen nicht nur ein Auskommen, sondern auch eine unabhängige wissenschaftliche Arbeit zu garantieren schien. Von Beginn an stand fest, dass das DWB ein historisches Wörterbuch sein sollte. Für die schriftsprachlichen Belege aus mehreren Jahrhunderten wurden 88 Exzerptoren angeworben, die im Lauf der Jahre mehr als 600 000 Belegzettel ablieferten. Jacob und Wilhelm ergänzten sie durch umfangreiche eigene Zitatsammlungen.

Das Grimm’sche Wörterbuch war damit nicht zuletzt ein Schatz an Zitaten, der auch seinen Beitrag zur Popularisierung Goethes und Schillers im 19. Jahrhundert – beide üppig vertreten – leistete. 1854 erschien der erste Band, in dessen Vorrede Jacob Grimm die Leiden des Lexikografen überliefert hat: „wie wenn tagelang feine, dichte flocken vom himmel nieder fallen, (...) werde ich von der masse aus allen ecken und ritzen auf mich andringender wörter gleichsam eingeschneit.“

Die Masse der Wörter indes war nicht zu bewältigen: Wilhelm starb 1859 mit Abschluss des D, Jacob 1863 über dem F. Danach setzten wechselnde Institutionen und Bearbeiter – unter ihnen zahlreiche namhafte Germanisten – die Arbeit fort. Vollständig lag das 32-bändige Werk, verzögert durch Krieg und Kriegsfolgen, erst 1960 vor, 1971 ergänzt durch das Quellenverzeichnis mit über 25 000 Titeln und Verweisen. Da hatte man sich längst zu einer Neubearbeitung aufgrund zahlreicher Mängel entschlossen: Zu lückenhaft erschienen die Lemmata, bei denen vor allem Fremdwörter fehlten, zu uneinheitlich die Artikel, die zudem Irrtümer oder Unrichtigkeiten enthielten. Das DWB indes hat auch dafür eine lakonische Erklärung beziehungsweise ein treffendes Zitat: „viel bücher, viel irrthum“, liest man unter dem Lemma „Buch“. Zudem waren vor allem die Eintragungen von A bis F in Ehren ergraut und sollten überarbeitet werden.

Einen Teil übernahm die Berliner Akademie (Ost), den anderen Teil die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Die deutsche Teilung erleichterte eine solche Kooperation nicht gerade: Während die Strecke D bis F 2006 abgeschlossen werden konnte, ist die Vollendung des Abschnitts A bis C für das Jahr 2012 zu erwarten. Und danach ist Schluss – jedenfalls mit der Neubearbeitung der alten Ausgabe, die einer klassischen Sisyphos-Aufgabe gleichkommt: Wenn alle Bände fertig sind, ist ihr Inhalt veraltet.

Weswegen die Wörterbucharbeit im Internet fortgesetzt werden soll, in einem „Digitalen Wörterbuch“ (DWDS), an dem die Forschungsstätte seit 2007 arbeitet. „Der Vorteil des Digitalen Wörterbuchs ist“, so Wolf-Hagen Krauth, Wissenschaftsdirektor der Berlin-Brandenburgischen Akademie, „dass man sich nicht alphabetisch vorarbeiten muss, sondern die Wortartikel zu allen Buchstaben ständig bearbeiten und vertiefen kann.“

Bei all dem wird deutlich, dass Grimms Wörterbuch streng genommen nie Grimms Wörterbuch war, sondern das Produkt einer ebenso langwierigen wie kollaborativen Bearbeiter- und Autorenschaft. Mit dieser haben auch über 100 Jahre deutscher Geschichte im DWB ihre Spuren hinterlassen, vom Biedermeier über das „Dritte Reich“ bis zur deutschen Teilung. Die Lexikografie erweist sich somit als ein höchst dynamisches, vom Zeitgeist bewegtes Wissensgebiet. Dabei dürfte zumindest für große, mehrbändige Nachschlagewerke die Zeit als Buch vorbei sein. Wenn Wissen ständig wächst und sich wandelt, wirken sie evolutionsgeschichtlich wie Dinosaurier: faszinierend, aber letztlich zu groß, zu schwer und zu langsam.

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