Kultur : Aus dem Bauch heraus

Von der Ernährung bis zur Liebe: Die Wissenschaft durchdringt zunehmend unser Leben – obwohl es manchmal besser ist, einfach auf seine Intuition zu hören

Bas Kast

Ich will Sie nicht mit meiner Großmutter nerven, sie ist für das, was ich sagen möchte, auch nicht wichtig. Wichtig ist nur, wie meine – und vermutlich auch Ihre – Großmutter lebte, nämlich in einem dermaßen vorwissenschaftlichen Zustand, dass man sich aus heutiger Sicht manchmal fragt, wie sie und die Generationen vor ihr überhaupt klargekommen sind. Wie haben die bloß überlebt?

Nehmen wir das Abendessen. Meine Großmutter hatte zum Beispiel kein schlechtes Gewissen, ihre Rouladen in Butter zu braten. Überhaupt die Rouladen! Sie waren gefüllt mit Schinkenspeck und Brät. Bis hierher bestand die Speise also aus Fleisch mit Fleisch, wobei das Ganze von einer Fleischhülle umwickelt wurde. Dazu Sahnesoße, Spätzle, Rotkraut. An so viel kann ich mich noch erinnern: Es schmeckte verdammt lecker!

Erst Jahre später wurde mir klar, dass es sich bei dieser Fettbombe um eine Zumutung – um nicht zu sagen: Gift – für mein Herz und meine Gefäße gehandelt hat. Meinem Herz-Kreislauf-System hätte ich dagegen etwas Gutes getan, wenn ich zum Beispiel einen Fisch, am besten Lachs gegessen hätte. Lachs ist auch fettig, klar, aber das Fett hat eine andere chemische Form, es ist „ungesättigt“. Besonders günstig fürs Herz ist dabei eine mehrfach ungesättigte Fettsäure namens „Omega-3“, von der es im Lachs relativ viel gibt.

Meine Großmutter hat nie etwas von Omega-3 gehört. Obwohl sie manchmal auch Fisch gegessen hat. Wenn welcher da war und sie ihn sich leisten konnte.

Kürzlich erschien im „New York Times Magazine“ ein längerer Essay, der mich über all dies ins Grübeln gebracht hat. Über meine Großmutter. Mich. Ihre Ernährung, meine Ernährung. Ihre „vorwissenschaftliche“, meine „verwissenschaftlichte“ Lebensweise.

In dem 20-seitigen Aufsatz beschreibt ein Professor der Berkeley- Universität in San Francisco, Michael Pollan, wie sich die Ernährung im Laufe der letzten Jahrzehnte geändert hat, von Urgroßmutterzeiten bis heute. Unsere Urgroßmütter, sagt er, aßen noch das, was man als „Essen“ im engeren Sinne bezeichnen könnte. Was sich dagegen in den Regalen heutiger Supermärkte so alles verirrt, hätte unsere Urgroßmutter teilweise gar nicht als Essen erkannt. Um nur einige wenige Beispiele aus dem Supermarkt bei mir um die Ecke zu nennen: Actimel L. CASEI DEFENSIS 0,1%. Tic Tac Fresh. Maoam. Red Bull …

Der Berner Immunforscher Beda Stadler, der Pollans Gedanken in der „Weltwoche“ aufgegriffen hat, meint, dass sich eine Urgroßmutter während eines Streifzugs durch ein beliebiges Lebensmittelgeschäft der Gegenwart bei dem einen oder anderen Artikel wohl gefragt hätte, ob das „nun ein Spielzeug oder ein Mittel sei, um den Holzboden zu bohnern. Auf die Idee, den Inhalt in den Mund zu stecken, wäre sie kaum gekommen“.

Und sowohl der Berner Biologe als auch der Kalifornier Michael Pollan kommen zum Schluss: Genau das ist auch gut so. Von unserer Urgroßmutterzeit bis heute hat sich unsere Ernährung tiefgreifend verwandelt, einerseits zum Guten.

Aber eben nicht nur. Vor allem der zunehmende Abschied von dem, was man Essen nennt, hin zu Designer-Lebensmitteln mit Namen, die klingen, als kämen sie aus einem Star-Trek-Lexikon, hat, so diagnostizieren die beiden Experten, unserer Linie und unserer Gesundheit nicht unbedingt geholfen – obwohl von den Herstellern oft genau das Gegenteil suggeriert wird.

Damit soll nicht der bösen Industrie die Schuld in die Schuhe geschoben werden. Nein, all das hat mit einer schleichenden Verwandlung unsererseits zu tun: Wir sehen die Wirklichkeit immer mehr durch die Brille der Wissenschaft. Wir haben uns zum Homo scientificus gemacht. Der zentrale Wesenszug dieses Menschentypus: Sein Verhalten darf nicht mehr spontan, aus dem Bauch heraus ablaufen; es richtet sich nicht nach dem, was sich über Jahre oder Jahrzehnte in Traditionen bewährt hat, sondern was wissenschaftlich abgesichert ist – mit manchmal verhängnisvollen Folgen.

Die Ernährung ist dafür nur ein Beispiel, wenn auch ein gewichtiges. Nehmen wir das Thema Fett. Irgendwann im Laufe 1980er Jahre trat an die Stelle der Essenskultur die Ernährungsforschung. Wir fingen an, nicht mehr in Rouladen zu denken, sondern analytisch: in Fetten oder, noch analytischer: in gesättigten und ungesättigten Fettsäuren. Oder noch analytischer: in gesättigten, ungesättigten und mehrfach ungesättigten Fettsäuren, womit wir, grüß Gott, bei Omega-3 wären. Dabei galten folgende Formeln: gesättigt = böse, ungesättigt = gut.

Obst und Gemüse hatte man natürlich längst als gesund erkannt, aber jetzt kam man auf die Idee, der Sache genauer auf den Grund zu gehen. Schon bald hieß es: Obst ist gesund aufgrund einer ganz bestimmten Gruppe von Substanzen, die man „Vitamine“ taufte. Es galt: Vitamine = gut. Also her mit der Vitamintablette!

Was war das Ergebnis dieses Einzugs der Wissenschaft in unseren Küchen, Supermärkten und Köpfen? Einerseits wussten wir nun, im Gegensatz zu unseren Großmüttern, langsam alle über Fette, Vitamine und, ja, irgendwann auch über Omega-3 Bescheid. Andererseits ließ sich etwas Paradoxes beobachten: Obwohl wir Bescheid wussten und man nach und nach die bösen Fette aus allen möglichen Lebensmitteln chirurgisch entfernte, wurden wir nicht schlanker, sondern dicker. Unsere Generation „Light“, ist wahrscheinlich die schwerste, die es je gab. Das hat viele Ursachen, doch liegt es nicht zuletzt daran, dass 1) die vielen fetteliminierten Diät-Produkte nicht sättigen und wir mehr davon essen und dass 2) die Fette oft kurzerhand durch Zucker ersetzt wurden.

Mehr noch, eigens für die Gesundheit entwickelte Produkte entpuppten sich teilweise als regelrechte Krankmacher. Beispiel: Großmutters Butter (gesättigtes Fett) ersetzte man durch von der Forschung gesegnete Margarine (ungesättigt). Bis man entdeckte, dass durch ein gewisses Herstellungsverfahren bei Margarinen sogenannte Transfette entstehen. Die sind zwar ungesättigt, aber dennoch, wie man heute weiß, ziemlich giftig. (Um Sie zu beruhigen: Mittlerweile sind die Margarinen bei uns weitgehend von Transfetten befreit worden.)

Auf Ähnliches stieß man bei den Vitamintabletten: In einer Übersichtsstudie zum Thema, kürzlich im US-Medizinfachmagazin „Jama“ erschienen, stellte sich heraus, dass Vitaminpillen bestenfalls gar nichts bewirken und schlimmstenfalls das Sterblichkeitsrisiko erhöhen!

Das alles ist sicherlich stark vereinfacht dargestellt. Auch Pollans Aufsatz ist nicht frei von Polemik – und doch nährte sein Essay einen Zweifel in mir: So wichtig der aufklärerische, analytische Blick der Wissenschaft sein mag, so viel er uns gebracht hat und bringt (immerhin steigt unsere Lebenserwartung Jahr für Jahr und wir leben heute trotz Designer-Nahrung und Vitamintabletten länger als zu Großmutters Zeiten) – welche Folgen, fragte ich mich, hat die Verwissenschaftlichung unseres Lebens noch?

Könnte es zum Beispiel sein, dass das, was der Berkeley-Professor beklagt, nicht nur auf unser Essen und unseren Körper zutrifft, sondern vielleicht auch auf andere Lebensbereiche, etwa die Psyche? (Ich bin als Wissenschaftsjournalist natürlich Teil des Problems. Noch schlimmer, ich habe eine Art Ratgeber über die Liebe geschrieben, der davon handelt, wie uns die Wissenschaft im Liebesleben helfen kann. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Buch heute noch einmal so schreiben würde.) Denn das Problem ist: Gerade bei komplexen „Ganzheiten“ wie der Nahrung oder eben der Liebe kann der sezierende Wissenschaftsblick leicht in die Irre führen.

Die übliche Methode der Wissenschaft besteht darin, aus all den Faktoren, die in einem „System“ eine gewisse Rolle spielen können, einen herauszunehmen, der sich herausnehmen und messen lässt. Beispiel Karotte. Wer Gemüse, nicht zuletzt auch Karotten isst, das weiß man schon länger, lebt gesünder. So hegte Homo scientificus die Hypothese: Der Gesundheitsfaktor der Karotte liegt im Beta-Karotin; das Molekül kommt in einer Karotte viel vor und verleiht ihr ihre Farbe.

Also isolierte man die Substanz, schuf eine Karotin-Pille (warum sich ganze Karotten antun, wenn nur ein Bruchteil gesundheitsrelevant ist?) und machte einen Versuch: Man verabreichte Rauchern, von denen man dachte, dass gerade ihnen etwas so Gesundes wie Beta-Karotin gut tun würde, regelmäßig eine Beta-Karotin-Kapsel. Das Experiment musste zum Schock der Forscher allerdings vorzeitig abgebrochen werden, als sich herausstellte, dass die pillenfutternden Raucher öfters an Krebs erkrankten als jene, die auf die vermeintlichen Gesundmacher verzichteten! Eine Karotte (Großmutters Sicht) ist eben etwas anderes als Beta-Karotin (Scientificus-Sicht).

Könnte es so etwas wie einen Beta-Karotin-Effekt auch auf psychischer Ebene geben? Wir lesen (schreiben) Liebesratgeber, Glücksratgeber, die die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse zitieren und in „Glücksformeln“ gießen. Aber tun wir uns damit wirklich einen Gefallen?

Teils ja, vielleicht. Auf der anderen Seite ist die Wissenschaft überfordert, etwas wie die Liebe oder das Glück mit ihrem Röntgenblick in einzelne Faktoren zu zerlegen, um diese dann systematisch nach ihrer Wirkung abzuklopfen. Die Psychologen meinen vielleicht, das Beta-Karotin der Liebe gefunden zu haben – und doch, wenn sie es sozusagen in Pillenform verordnen, stellt es sich unter Umständen als völlig wirkungslos heraus.

Ein Beispiel dafür sind Seminare, in denen man Paaren gezielt beibringt, sich nach dem Lehrbuch zu streiten. In Wochenendseminaren wird da zum Beispiel trainiert zuzuhören, die Sätze des Partners erst zu wiederholen („Du findest also, ich würde dir nie zuhören, habe ich das so weit richtig verstanden?“), um dann in kommunikationstechnischer Hinsicht angemessen darauf zu reagieren.

Diese Seminare können die Art und Weise, wie ein Paar miteinander redet, tatsächlich ändern. Das bewirkt aber langfristig überhaupt nichts, außer, dass es dem Gespräch einen künstlichen Touch gibt. Paare, die ein solches Training hinter sich haben, sind jedenfalls Jahre später keinen Deut glücklicher als andere.

Natürlich ist schlechte Kommunikation nicht gerade gut für die Liebe. Aber wer schlecht kommuniziert, bei dem liegt vermutlich eher etwas anderes, Tieferes im Argen. Die Paarpsychologen kurieren also ein Symptom, nicht die „Krankheit“. Am Ende verordnen sie ihren Klienten womöglich wirklich so etwas wie eine Beta-Karotin-Pille für die Seele: Bestenfalls bewirkt ihr Kommunikationstraining nichts. Schlimmstenfalls macht es das Gespräch einfach nur unnatürlich oder es setzt ein Paar unter Druck, weil es sich sagt: Hey, wir reden wie im Bilderbuch, und trotzdem geht unsere Beziehung den Bach runter – da muss es ja wohl ganz schlecht um unsere Liebe stehen! Die Seminare richten den Blick auf ein Detail, nur weil dieses Detail von der Wissenschaft zufällig erfassbar ist. Aber vielleicht spielt in der Liebe ja das Unfassbare, für die Wissenschaft Unsichtbare die entscheidendere Rolle?

Mir fällt da die Geschichte von dem Mann ein, der nachts unter einer Laterne nach seinem verschwundenen Hausschlüssel sucht. Ein Passant kommt vorbei und fragt dem Mann, ob er denn sicher sei, dass er seinen Schlüssel just unter der Laterne verloren habe. „Nö“, entgegnet der Mann. „Aber es ist der einzige Ort, an dem ich etwas sehen kann!“

Die Wissenschaft ist ein wunderbares Instrument. Ihre Durchdringung all unserer Lebensbereiche jedoch schürt – auch – eine tiefe Verunsicherung. In ihren Botschaften schwingt eine unterschwellige Botschaft mit, ein Subtext, der da lautet: Du weißt nichts. Nichts ist sicher. Hör nicht auf deine Kultur, nicht auf deinen Bauch, nicht auf deine Gefühle. Hör auf das, was in soundso vielen Studien abgesichert ist.

Diese Botschaft hat Folgen. Sie macht uns hilflos und abhängig von jenen, die vermeintlich Bescheid wissen. Ständig werden wir von ihnen, den Eingeweihten, mit neuen Ernährungsweisheiten bombardiert, ein Detail folgt dem nächsten. Aber Essen besteht nicht aus Details, sondern aus einem Ganzen, aus einer Mahlzeit. Wer die Erkenntnisse aus den Ernährungslabors oder von Diät-Gurus allzu ernst nimmt, muss seine Essensgewohnheiten nicht nur immer wieder ändern, er fixiert sich auch auf das, was gerade von der Wissenschaft herausgefunden wurde, also auf ein Detail, heute: Omega-3. Was ist es morgen? Übermorgen? Man weiß es nicht. Aus dem, was einmal Spaß gemacht hat, nämlich einfach nur zu speisen, wird Arbeit.

Ähnliches lässt sich in der Erziehung beobachten. Was zu Großmutters Zeiten aus dem Bauch geschah – mit allen Vor- und Nachteilen –, ist systematisch durch diverse, mehr oder weniger wissenschaftliche „Erziehungskonzepte“ ersetzt worden. Auch hier heißt es: Bloß nicht auf die Intuition hören! Das Konzept „antiautoritär“ ist dafür ein großes Beispiel, ein anderes, kleines, ist der „Mozart-Effekt“: Als Forscher entdeckten, dass sich das räumliche Denkvermögen kurzfristig steigern lässt, wenn man sich Mozarts Klaviersonate für vier Hände in D-Dur anhört, wurden in den USA an Mütter prompt Mozart-CDs verteilt. Zumindest hat das, soviel man weiß, den Kindern nicht ernsthaft geschadet, auch wenn sie wohl lieber dem amerikanischen Pumuckl-Pendant gelauscht hätten.

Muss man die Ergebnisse der Hirnforschung kennen, um eine gute (Groß-) Mutter zu sein? Muss man nicht.

Es hat nichts mit Wissenschaftsfeindlichkeit zu tun, sondern entspringt geradezu dem Geiste der Wissenschaft, wenn man auf ihre Vorgehensweise und Grenzen hinweist. Jeder, der sich seinen Rat bei der Wissenschaft holt, in welchem Lebensbereich das auch sein mag, sollte sich einfach nur bewusst sein: Die Wissenschaft ist stark, wo sich einzelne Faktoren leicht in einzelne Faktoren zerlegen und messen lassen.

Bei allem, was eine komplexe Ganzheit bildet, mit Dutzenden von Interaktionen, tut sich die Wissenschaft schwer. Das betrifft Wetterprognosen ebenso wie eine aus Dutzenden von Substanzen zusammengesetzte Karotte. Es betrifft unsere Kinder, unsere Liebe und unser Glück. Deshalb kann es nicht schaden, den einen oder anderen Ratgeber auf diesem Feld zu ignorieren und stattdessen, nicht nur beim Essen, auf seinen Bauch zu hören.

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