Kultur : Aus dem Bleistiftgebiet

Eine Frage der Magie: Oskaras Korsunovas, Regie-Star aus Litauen, gastiert mit „Romeo und Julia“ im Hebbel-Theater

Sandra Luzina

Die Kirchen in der Altstadt von Vilnius schimmern in zarten Pastellfarben. Die Portale sind weit geöffnet, der Gesang der Gläubigen dringt heraus. Die litauische Hauptstadt rühmt sich, die Stadt mit dem südlichsten Flair im ganzen Baltikum zu sein – und der Sonntag gehört den Messgängern.

Beim Überqueren des Flusses Vilnia sehen die Besucher aus Berlin den vergoldeten Engel, das Wahrzeichen von Uzupio. Eine Republik mit einer eigenen Verfassung sei dieser Stadtteil, sagt Ervinas. Der Theologiestudent arbeitet als Pressereferent für das Theaterensemble von Oskaras Korsunovas und ist unser Fremdenführer. Uzupio bedeutet „außerhalb der Mauern“. Überwiegend Russen wohnten früher in dem verrufenen Viertel, abgeschoben aus Moskau. 1997 riefen Künstler und Intellektuelle die autonome Republik aus, Gründungstag war der 1. April. Wer zu Sowjetzeiten den Fuß hierhin setzte, bekam eins auf die Mütze. Heute wacht ein Schutzengel über die Bohemiens und Außenseiter – Geschichte und Eigensinn.

Oskaras Korsunovas, Regisseur und Theaterleiter, hat selbst hier gelebt und gearbeitet. Heute sind Proben angesetzt, am nächsten Tag fliegt er nach London, mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ im Gepäck. Der zornige junge Mann ist längst in Europa angekommen: Mithilfe eines internationalen Produzentennetzwerkes realisiert er seine halluzinatorischen Bühnenträume, die auf Festivals von Edinburgh bis Avignon Aufsehen erregen. In Vilnius bespielt der produktive Jungstar mit seinem Ensemble das große Haus des Litauischen Nationaltheaters und betreibt gleichzeitig eine Studiobühne. Zur Zeit steht „Winter“ auf dem Spielplan, ein Zweipersonenstück von Jon Fosse, im norwegischen Original, simultan ins Litauische übersetzt.

„Oskaras probt heftig", warnt uns Ervinas. Der Regisseur lässt sich von den Gästen aus Berlin nicht von der Arbeit ablenken. In einem ehemaligen Arbeiterpalast, auf einem Hügel von Vilnius, hat die Truppe ihr Lager aufgeschlagen. Eine verschworene Gemeinschaft: Die jungen Bohemiens trinken selbst gekochten Kaffee und folgen noch nach Stunden konzentriert dem Bühnengeschehen. Der Saal ist Künstler-Camp und Fundus zugleich: Neben Mehltüten und antiquarischen Büchern hängen Abendkleider von altmodischem Chic. Auf der Bühne Töpfe, Pfannen und Backbleche – die zerbeulten Gerätschaften stammen aus einer sozialistischen Großküche. Und auf dem Regietisch stehen Apothekerfläschchen aus braunem Glas. Theater als Droge, als Experiment: Oskaras Korsunovas probt Shakespeares „Romeo und Julia“, für die Uraufführung im Berliner Hebbel-Theater und das anschließende Gastspiel in Avignon.

Seine erste Inszenierung brachte der damals 20-Jährige 1990 heraus: eine Bühnenfassung von Daniil Charms’ „Dort sein hier sein“. Die Premiere fand elf Tage nach der Unabhängigkeit Litauens statt, unmittelbar nach Beginn einer neuen Zeitrechnung. Mit 30 gründete Korsunovas seine eigene Theatertruppe. Die sozialen Umbrüche haben auch das Theater nicht verschont: „Vor 1990 war das Theater in Litauen ein Ort des Widerstands und des geistigen Lebens – eine Art Kirche“, meint Korsunovas. An einen gesellschaftlichen Auftrag glaubt er nun nicht mehr. Gleichwohl hat er eine ästhetische Mission.

„Mit jeder Inszenierung will ich ein Stück Tradition zerstören“, lautet sein Credo. Zu seinem Stil fand Korsunovas in der künstlerischen Opposition gegen die Vätergeneration. Dabei scheute er nicht vor dem symbolischen Vatermord zurück, etwa in „P.S. Akte OK“ , zu sehen bei den Berliner Festwochen 1999. Mittlerweile hat Korsunovas Stücke von Ravenhill, Sarah Kane und Marius von Mayenburg inszeniert – und die Klassiker wieder entdeckt. Alten Stoffen wie dem „Sommernachtstraum“ oder der Bühnenbearbeitung von Michael Bulgakows „Meister und Margarita“ eröffnet er mit seinem artistischen, körperbetonten Spiel neue Imaginationsräume. Dabei interessiert sich Korsunovas bei „Romeo und Julia“ weniger für den Generationenkonflikt als für den Konflikt zwischen dem Schöpferischen und dem Realen. „Diese Jugendlichen wollen eine neue Welt erschaffen – und kollidieren mit der Realität.“

Das Schöpferische als Zauberformel gegen ideologische Erstarrung, als Kampfparole gegen Anpassung und Opportunismus. Korsunovas hat auch gelernt, den Fährnissen des postsozialistischen Alltags zu trotzen – weshalb er das Theater gern mit dem Kochen vergleicht. „Wenn ich koche, dann improvisiere ich aus den Zutaten, die ich gerade im Kühlschrank habe – auch wenn nur Fleisch und Marmelade da sind.“ Wie viele seiner osteuropäischen Kollegen beherrscht Korsunovas die Kunst der Improvisation und erklärt die Mangelverwaltung zum künstlerischen Prinzip: „Theater wird reich aus seiner Armut.“

So ist der „Sommernachtstraum“ eine aus fast nichts entwickelte Bilderorgie. „Jeder Schauspieler hat ein Brett – das ist alles.“ Und das Brett wird zum Wald, zum Tor, zum Bett, zur Bahre. Oder zum Partnerersatz. Kosunovas’ Fantasie entzündet sich an den Dingen und den Körpern, mithilfe einer präzisen Technik und eines choreografischen Gespürs entsteht ein Taumel der Assoziationen, ein Tanz der Bilder, eine Raserei der Körper. Der Regisseur als Magier: „In meiner Kindheit hatte ich einen Zauberstab“, erzählt Korsunovas. „Dieser Zauberstab war ein Bleistift – anderes Spielzeug brauchte ich nicht.“ Seine Eltern bekamen es mit der Angst, als sie sahen, wie der Knabe im Bett damit herumfuchtelte. „Sie haben mir ganz viel Spielzeug gekauft, damit ich von dem Stift lasse.“ Vergeblich.

„Wir können die Realität nur begreifen, indem wir sie neu erschaffen.“ Mit dieser Künstlermetaphysik zieht Korsunovas ein Resümee seiner Erfahrungen. Die Lust am Spiel ist bei ihm Protest gegen das Realitätsprinzip – nicht anders als die Liebe. Als Beispiel führt Korsunovas die berühmte Balkon-Szene an: „Die Namen Capulet und Montague verweisen auf die tradierte Feindschaft der beiden Familien. Deshalb will Julia ihrem Romeo andere Namen geben. Dieses Umbenennen ist ein kreativer Akt.“

Ausgerechnet die berühmte Balkon-Szene! Am späten Nachmittag wird doch noch ein Durchlauf angesetzt – die Besucherin aus Berlin ist gerade am Kiosk. Zurück im Theatertempelchen findet sie Fotograf Heinrich tief bewegt vor. Er verschmäht sogar das litauische Bier.

„Romeo und Julia": Premiere am 13.6., 20 Uhr im Hebbel-Theater, wieder am 14. und 15.6. (litauisch mit deutscher Übertitelung) .

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