Kultur : Aus dem Exil zur Weltgeltung

NIKOLAUS BERNAU

Als im Januar 1933 die Nazis die Macht übernahmen, endete in Deutschland auch die vom Bauhaus und dem "neuen bauen" geprägte Architekturgeschichte.Zwar versuchten Architekten wie Mies van der Rohe oder Walter Gropius noch mehrere Jahre lang, sich mit dem Regime zu arrangieren, und so mancher Architekt, der sich nicht anpassen wollte, fand ein Auskommen im Industriebau.Doch in der Staatsarchitektur herrschte bald der kalte Neuklassizismus Speers, und im Wohnungsbau, dem eigentlichen Reservat der Moderne, konservative Sachlichkeit mit heimattümelndem Touch.

Diejenigen, die sich aus politischen oder ästhetischen Gründen nicht anpassen wollten oder, weil sie Juden waren, gar nicht durften, wurden schnell aus dem Land gedrängt.Denn Architektenverbände und Akademien unterwarfen sich - ein bisher wenig bearbeitetes Thema - unverzüglich der personellen und ästhetischen Gleichschaltung.Es entstand der Mythos einer "enthaupteten Moderne" als Schöpfungsopfer für den weltweiten Siegeszug des "International Style", wie die "weiße Moderne" von Mies, Gropius und Le Corbusier im Anschluß an eine Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art 1932 von Philip Johnson und Henry-Russell Hitchcock genannt wurde.Dennoch ist die Exilforschung über Architekten im tiefen Schatten der Literatur-, Künstler- und Politikerforschung geblieben - vielleicht gerade wegen ihres bis heute am Bild praktisch aller Städte in allen Ländern ablesbaren Erfolgs.Drei dichtgefüllte Tage stellten jetzt Forscher aus der ganzen Welt ihre Ergebnisse und Thesen zu den Folgen des Exils auf die moderne Architektur in Berlin vor.

Klugerweise erweiterten die Veranstalter des vom Kunstwissenschaftlichen Institut der Technischen Universität Berlin ausgerichteten Symposiums ihr Themenspektrum um das Exil italienischer sowie spanischer Architekten, wie etwa Josep Lluis Sert, den Erbauer des Spanischen Pavillons in Paris 1937 - denn so öffnete sich ein weites Panorama zwischen radikaler Modernefeindlichkeit in Deutschland, -akzeptanz unter dem modernisierungswütigen Mussolini und Rezeption der Moderne in den südamerikanischen Staaten.Die Kategorien Exil, Flucht, Auswanderung weichten allerdings während der Diskussion zusehends auf.Denn Architekten, die wie Ernst May oder Hannes Meyer 1930 als "Entwicklungshelfer" wohldotiert in die Sowjetunion gerufen wurden und dort mit ihren Ideen von industrieller Serienfertigung und riesigen, streng nach Funktionen getrennten Städten in Zeilenbauweise alsbald scheiterten, wurden nach 1933 unversehens zu Exulanten.Nach Argentinien gab es bereits in den zwanziger Jahren die wirtschaftlich motivierte Emigration, die 1933 durch die Flüchtlinge vor den Nazis verstärkt wurde.Und beide Gruppen sahen sich, wie Carlos Sambricio skizzierte, nach 1945 plötzlich denen gegenüber, die dem Chaos Europas und dem Zusammenbruch ihrer faschistischen Heimat zu entkommen suchten.Mexiko hingegen wurde, wie Susanne Dussel zeigte, unter Präsident Cárdenas ein Zentrum für sozialistische Architekten, die im Werk von Villagran Gracia und J.Gorman ihre Nachfolger hatten.

Letztlich blieb als äußerliche Kategorie des Exils vor allem die geographische Entfernung - womit nicht nur die "innere Emigration" von Architekten wie Scharoun oder Eiermann aus dem Blickwinkel geriet, sondern ein wenig auch das individuelle Selbstbewußtsein der Architekten.Selbstverständlich schien, daß Emigration und Avantgardehaltung identisch sein müssen.Dabei emigrierten zumindest die jüdischen Architekten ja nicht wegen ihrer künstlerischen oder politischen Position, werden also womöglich genauso konservativ gewesen sein wie die Mehrzahl der "arischen" Kollegen in den zwanziger Jahren auch.Zumindest läßt dies die Untersuchung emigrierter deutscher Kunsthistoriker vermuten, die die Hamburgerin Karin Michels vorstellte.Diese änderten auch in den USA ihre Einstellungen und Forschungsthemen kaum - und überließen die Moderne als Forschungsthema übrigens völlig den Architekten selbst.

Zionistische Architekten hingegen, die mit Tel Aviv und Haifa die größten Städte im "Bauhaus-Stil" überhaupt errichteten, betrachteten sich durchaus nicht als Exulanten, wie Ita Heinze-Greenberg zeigte, sondern als Heimgekehrte, für welche die mitgebrachte Architektursprache synonym für Modern und Industriell, für die Überwindung des orientalischen Schlendrians und für einen Wiederaufstieg von "Erez Israel" stand.Erich Mendelsohn, der später in den USA die moderne Synagogenarchitektur entwickelte, versuchte in Jerusalem gar, seine expressive Moderne mit den lokalen Traditionen zu vermählen, um eine neue, jüdisch-palästinensische Architektur zu schaffen.Aus solchem Blickwinkel waren Exulanten diejenigen, die in der Diaspora blieben.

Deutlich wurde, wie wenig bisher über die persönlichen Umstände und Motive der ausgewanderten Architekten sowie über ihre künstlerische Entwicklung bekannt ist.Etwa 350 000 Menschen verließen das Deutsche Reich bis 1940.Wieviele davon Architekten waren, wo sie ihre Ausbildung genossen hatten, welche von diesen in den neuen Heimatländern wieder in ihrem alten Beruf arbeiten konnten und wie sie sich auf die neue Situation einstellten - das ist weitgehend unerforscht.

Für Palästina liegen inzwischen genaue Zahlen vor, das österreichische Exil in den USA ist von Matthias Boeckel und seinem Team untersucht worden, vergleichbar gründlich ist jetzt die neue Untersuchung des Kongreß-Mitorganisators Bernd Nicolai über die Türkei als Exilland.Schiere Statistik fehlt insgesamt aber ebenso wie kunstgeschichtliche Einordnung.Hatte das Exil tatsächlich Auswirkungen auf die Arbeit der Architekten, oder paßten sich diese nicht einem bereits zum Ende der zwanziger Jahren begonnenen Prozeß an, der mit dem Schlagwort "Regionalisierung" umschrieben werden kann? Denn die meisten exilierten Architekten, die nach Überwindung aller rechtlichen und wirtschaftlichen Schranken überhaupt weiterarbeiten konnten, nahmen in ihr Repertoire in den vierziger und fünfziger Jahren zunehmend regionale Motive auf - und sorgten so neben der Vormachtstellung der in die USA emigrierten Mies, Breuer und Gropius dafür, daß die europäische klassische Moderne zu einem Weltphänomen werden konnte.

Ein Tagungsband erscheint im kommenden Jahr im Verlag für Bauwesen, Berlin.

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