Kultur : Aus dem Familienalbum

MoMA-Klassiker: Die Galerie Kicken Berlin zeigt Highlights der Fotografiegeschichte

Katrin Wittneven

Eine Gruppe von Menschen steht dicht gedrängt auf einem Ozeandampfer. Die Frauen haben madonnenhaft Tücher umgelegt, die Männer tragen einfache Kleidung, Wäsche trocknet zwischen den Turbinen. Hell sticht aus dem dunklen Gesamtton der Komposition ein Steg heraus, der auch den Übergang in die neue Welt symbolisiert. Mit 19 mal 15 Zentimetern ist die Photogravure „The Steerage“ kleinformatig, und doch umfasst die Aufnahme von Alfred Stieglitz aus dem Jahr 1907 Grundthemen der Menschheit: Abschied, Aufbruch, Hoffnung.

Viele der rund fünfzig Meisterwerke, die von den Berliner Galeristen Annette und Rudolf Kicken in der Ausstellung „Seen at MoMA“ zusammengetragen worden sind, stehen für zentrale Strömungen in der Fotografie, wie El Lissitzkys „Der Konstrukteur“ aus dem Jahr 1924 oder Paul Strands „Back View of Church“ in New Mexico aus dem Jahr 1931. Ausschlag für die Ausstellung am Rande der spektakulären Präsentation von 200 Gemälden und Skulpturen aus dem New Yorker Museum of Modern Art in der Berliner Neuen Nationalgalerie gab die zentrale Bedeutung, die das Museum seit seiner Entstehung der Fotografie zugestand: Bereits zwei Jahre nach der Gründung des Museums im Jahre 1929 erwarb Direktor Alfred H. Barr die erste Fotografie, eine Arbeit von Walker Evans. Und als erstes Kunstmuseum überhaupt gründete das MoMA 1940 eine eigene Abteilung für Fotografie mit einem Kurator, der für Ankäufe zuständig war und Ausstellungen organisierte. Diese Chef-Kuratoren – von Beaumont Newhall über Edward Steichen und John Szarkowski bis zu dem seit 1991 amtierenden Peter Galassi haben mit ihren Ausstellungen und Publikationen die Fotografiegeschichte des letzten Jahrhunderts geschrieben und einem großen Publikum bekannt gemacht: Noch heute hält etwa Steichens Ausstellung „The Family of Men“, die 1955 im MoMA bereits 270000 Besucher anzog und danach durch 68 Länder tourte, den Rekord der meistbesuchten Ausstellung überhaupt. Auch in Berlin war eine Auswahl aus der Fotografie-Kollektion des MoMA zu sehen: im Rahmen einer Europatournee 1995 in der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen.

Die mittlerweile auf 25000 Abzüge angewachsene Fotografiesammlung des Museums zählt noch heute zu den bedeutendsten der Welt, wohl auch, weil ihre Kuratoren immer nah am Zeitgeschehen waren: Schon 1933 fand die erste Ausstellung mit Werken von Walker Evans statt, 1938 gab es die große Bauhaus-Ausstellung, 1947 „The Photographs of Henri Cartier-Bresson“. Eine Auswahl der wichtigsten Fotografieausstellungen hat die Berliner Galerie nun auf die Innenseite ihrer Einladungskarte gedruckt, denn Rudolf Kicken und seine Frau haben über ein halbes Jahr an den Ausstellungen und Publikationen entlang recherchiert, um Originalabzüge der Protagonisten in einer Ausstellung zu vereinen. Am Ende sind es sogar zwei Ausstellungen geworden, wobei der gestern eröffnete erste Teil Werke von 1890 bis etwa 1950 umfasst. Der zweite Teil wird sich ab Mitte Mai dann der zweiten Jahrhunderthälfte widmen.

Alle ausgestellten Arbeiten sind käuflich. Zu den kostbarsten zählt ein Vintage Print von Man Rays „Noire et Blanche“ aus dem Jahr 1926. Nach dem Preis gefragt, hält sich Kicken angesichts des zarten Meisterwerks allerdings bedeckt. Als Indiz für die Dimension mag gelten, dass er erstmals die ausgestellten Werke an den Wänden festschrauben ließ. Und bei anderen wird der Galerist dann auch auskunftsfreudiger: Albert Renger-Patzschs hinreißende Fotografie „Das Bäumchen“ aus dem Jahr 1929 kostet um die 30000 Euro, und August Sanders „Mädchen im Kirmeswagen“ – ein Gelatinsilberdruck von Gunter Sander aus dem Jahr 1980 – ist für 10000 Euro zu haben. Dass es auch im MoMA nicht immer nur um große Namen ging, sondern auch um die Faszination der Möglichkeiten eines neuen Mediums, dafür steht in der Ausstellung ein anonymes Röntgenbild aus einem Militärkrankenhaus von 1918, das bereits für 2000 Euro zu erwerben ist. Ein Bein ist zu sehen, darin in gleißendem Weiß Pistolenkugeln. Fast ironisch hängt direkt daneben Erwin Blumenfelds Vintage Print „Legs à la Seurat (Maria Motherwell)“, der 25000 Euro kostet. Pointiert gehängt ist auch die Stirnseite der Galerie, wo sich neben zwei strahlend lachenden mexikanischen Prostituierten, die Henri Cartier-Bresson 1934 fotografiert hat (120000 Euro), zwei elegant gekleidete Herren finden, die in einem Polizeiwagen schamvoll das Gesicht hinter ihren Hüten verbergen – eben so, wie Weegee sie 1942 sah (15000 Euro).

Ob es sich um die um 1900 entstandenen statischen Landschaftsaufnahmen handelt oder Aaron Siskinds scheinbar abstrakt werdende Fotografie – kaum eines der Bilder war zum Zeitpunkt seines Entstehens als Kunstwerk gemeint. Aber wie hatte Galassi Mitte der Neunzigerjahre geschrieben? „Ihre Anwesenheit im Museum verändert sie, doch sie verändern auch ihrerseits das Museum, denn sie verursachen eine gesunde Irritation in unseren Vorstellungen davon, was Kunst gewesen ist und sein kann.“

„Seen at MoMA (Part 1)“, Galerie Kicken Berlin, Linienstraße 155, bis 8. Mai, Dienstag bis Freitag 11–18 Uhr, Sonnabend 14–18 Uhr.

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