Kultur : Aus dem Fenster

Drinbleiben, rausgucken, sich Gedanken machen: Ein Saison-Tagebuch /Von Torsten Körner

Wenn die Schwerkraft eine Leichtkraft wäre. Der Autor zu Hause, aber mit den Gedanken woanders. Foto: Uwe Schwarze
Wenn die Schwerkraft eine Leichtkraft wäre. Der Autor zu Hause, aber mit den Gedanken woanders. Foto: Uwe Schwarze

27. APRIL, 8:37 UHR

Ich sehe aus dem Fenster. Schade, dass ich meine Arme nicht auf ein Kissen ablegen kann, dann würde ich einem jener legendären Straßenhüter gleichen, die früher im weißen Feinripp (männlich) oder mit Lockenwicklern (weiblich) aus ihren Wohnungen hingen. Würde man die Beobachtungen dieser Alltagswächter einsammeln, gäbe das ein tolles Buch, nur müsste man immerzu mit einer langen Leiter unterwegs sein.

28. APRIL, 20:23 UHR

Abendsonne abgetaucht. Ein dunkelgrünes mobiles Dixie-Klo steht plötzlich da, unheilverkündend. Mein Was-wird-morgen-sein-Ohr hört dröhnende Bauarbeiter. Sonst rührt sich nichts. Kann mal jemand die Straße bespielen? Soweit das Auge reicht Autos im Ruhe-Stand. Nichts.

4. MAI, 15:57 UHR

Akkordeonspieler schaut hoffend nach oben. Zauselige Klänge. Statt Geld fällt Regen. Akkordeon und Rasenmäher im Wettstreit. Kinderabholstunde, Katzenschleichstunde. Die schwarze mit dem roten Halsband. Unter Autos geduckt. Der Pfarrer im gehetzt-beflissenen Schritt. Und jetzt rumpelt noch der Wagen des Bestatters vorbei mit kältester Fracht. Warte nur!

10. MAI, 7:22 UHR

Aus dem Fenster blicke ich auf das Haus, in dem ich früher wohnte. Dort lebten drei Frauen, die seit vielen Jahren ihre Wohnungen nicht mehr verließen. Die jüngste litt an Elefantiasis, die zweite an Agoraphobie und die dritte hatte einen Mann. Die beiden ersten sind tot, die dritte geht wieder aus dem Haus, seitdem ihr Mann verstorben ist. Im Schutz ihrer Perücke blickt sie munter auf die neue Welt.

12. Mai, 10:50 Uhr

Die französische Tagesmutter kehrt mit ihren Tageskindern zurück. Unterwegs sangen sie „sur le pont d’avignon“ und tanzten in den Pfützen. Das Paar mit dem Baby gegenüber im DG wird irgendwann ausziehen, kein Fahrstuhl. Früher, wenn einer von ihnen ging, stand der andere auf dem Balkon und winkte. Mit beiden Händen, mit Kusshänden, ewig. Lange nicht gesehen, das. Etwas mehr Heiterkeit liegt in der Luft.

13. Mai, 16:18 Uhr

Der Mann im blauen Trainingsanzug mustert seine Balkongeranien. Unten auf der Straße zerhacken zwei Nebelkrähen einen Mauersegler, dessen Flügel abgespreizt sind wie im Flug. Da putzt jemand auf den Knien das angelaufene Messing der Stolpersteine. Jede Straße ist eine Geisterbahn, jede Wohnung ein Erinnerungsgrab. Taubenflügelklatschen. Himmelfahrtsbetäubtes Leben.

23. Mai, 18:24 Uhr

Der Mann, den manche den Blockwart nennen – er ist stets darauf bedacht, seinen und den Wagen seiner Frau Stoßstange an Stoßstange zu parken, was in der Straße zu vielverachteten Manövern führt –, weiß, wie die Bäume heißen, die jetzt blühen, auf die ich jeden Tag blicke: „Das ist Rotdorn! Da hinten steht Weißdorn!“ Schweiß perlt, Lack glänzt, Bauch spannt, Nachbar dankt. Ab.

2. Juni, 19: 44 Uhr

Mein Fenster sieht auf das Haus, wo der Komponist wohnte, der am Steuer seines Wagens verstarb. Sein Herz riss auf dem Parkplatz, allein. Er fehlt. Hatte es nie eilig, hatte immer Zeit für ein Geplauder gegen die irre Betriebsamkeit. Ausgereist aus der DDR, weil er die lebensabschnürenden Schikanen nicht ertrug. Liebte Wein, Weib, seine Tasten. Sein Studio steht leer.

3. Juni, 14:34 Uhr

„Endlich Sonne!“, sagt mein Fenster. Und schon sind sie wieder da: Die zauseligen Klänge. Zu dritt. Akkordeon, Trompete, Schellenring. Sie kommen aus Rumänien. „Sind seid drei Jahren in Deutschland. Ich, mein Bruder, Vater. Gut. Geld regnet aus dem Fenster. Menschen lachen, oft Gesichter aber versperrt. Deutschland viel versperrt.“ Mein Euro plumpst in den Pappbecher. Sie lachen. „Musik? Das war Tango!!“

10. Juni, 08:57 Uhr

Frühes Fensterdefilee. Auf zum Kindergarten: Carla hat ihren Hasen dabei, Mascha nimmt ihre Katze mit, Luca trägt seinen Tiger, Flo schleift seine Ente durch den Staub, Lili nuckelt am Ohr ihres Lämmchens, Isabelle schultert ihre Prinzessin, Robert hat dem Bären ein Pflaster verpasst und Nike führt ihren Eisbären aus. Was wäre die Welt ohne Kuscheltiere?

13. Juni, 8:19 Uhr

Stehe am Fenster, putze Zähne. Der fahle Psychologe von gegenüber kämmt sich das Haar. Irrtümlich halte ich ihn für mich, mein Spiegelbild. Ich spucke aus, spüle mit Luft, werfe die Zahnbürste hinunter. Der Psychologe lässt den Kamm in den Vorgarten fallen. Dann neigen wir unsere Nasen zueinander und kommen erst wieder zu uns, als wir hart inmitten der Blumen landen.

15. Juni, 22:49 Uhr

Fenster rahmt blaue Nacht. In einer Giebellücke prangt der Mond wie ein flanierender Zirkumflex. Jetzt versinkt er eilig hinter schwarzen Dächern. Er will sein Nachtbuch weiter schreiben, in dem sich jede Straße findet, mit allen Träumen, mit allen Seufzern aus Glas, Finsternis, Feigheit. Scheint die Sonne, steckt der Mond den Kopf in Tinte, solange, bis die Blätter wieder weiß werden.

22. Juni , 9:34 Uhr

Aus dem Fenster geschaut und einen Kuss abbekommen, der nicht mir galt. Der Opernsänger über uns bekam ihn per Hand- und Luftpost zugeschickt. Am Sonntag stand ein Mädchen an der Ecke und trug „Der Kuckuck und der Esel“ auf seiner Blockflöte vor. Ein Schild am Boden: „Ich sammle für Afrika. Dort werden Schulhefte gebraucht.“ Jetzt schiebt ein dünner Mann einen Kinderwagen vorbei, darin hockt ein Kasten Bier.

24. Juni, 10:30 Uhr

Unter meinem Fenster macht eine Gruppe von Radfahrern halt. Fünf Männer, alle um die 60. Ihre Beine sind 30, ihre Gesichter 50. Stramme, muskulöse Beine, alle in hautengen kurzen Hosen, im bunten Trikot, alle mit eisgrauem Bart. Brüder? Freunde? Wie große Jungen stehen sie da, trinken, schwatzen, zeigen Bein. Beinstolz. Dem Sessel, dem Sofa, dem Sterben trotzen. Bewegt eure Hüften, tanzt.

26. Juni, 9:04 Uhr

Wenn die Schwerkraft eine Leichtkraft wäre, könnte man sich mal aus dem Fenster stürzen. Fliegen, den Fuß federnd aufsetzen, dann wie ein Känguru mal im ersten und zweiten Stock vorbeischauen. Die Straße bekäme ein anderes Gesichtsgewicht, wir würden nicht alles so schwer nehmen und wüssten, was Schmetterlinge so treiben. Kann das nicht mal jemand erfinden?

14. Juli, 21:58 Uhr

Der dünne Mann hat tausend Drehbücher geschrieben und keines verkauft. Sein Fenster zum Hof ist zugeklebt mit Filmplakaten. Wo er steht, ist Film, er raucht Zelluloid, er träumt auf 35-mm. Früher Vorführer, dann Karten abgerissen, dann gefeuert. Er weiß, eines Tages wird ein Wagen vorfahren und es wird kein Geringerer sein als Cecile B. DeMille oder Spielberg, der ihn zu sich bitten lässt. Kleiner träumt er nicht.

17. Juli, 22:47 Uhr

Um Mitternacht aus dem Fenster schauen und einen theaterbleichen Mond antreffen, der nach der Vorstellung zum Abschminken versinkt und sich mit dem knochenfahlen Klaus Kinski tagsüber in der Kantine sinnlos betrinkt, bevor er am nächsten Abend noch bleicher und voller die Bühne betritt: Vollmond!

11. August, 10:07 Uhr

Der Mann, der morgens nicht weiß, wo er abends sein Auto abgestellt hat, irrt mal wieder in alle Himmelsrichtungen. Aufmerksamkeitsritter ziehen los! Seht mich! Nehmt mich wahr!

15. August, 13:19 Uhr

„Im Hinterhof“, schnurrt mein Fenster, „steht ein Zuckerahorn. Ein GI brachte ihn 1947 als Sprössling mit nach Berlin und schenkte ihn seiner Freundin. ,Flittchen’, sagten manche, nahmen die Schokolade dennoch. Der GI ist tot, seine Freundin ist 88 und der Ahorn kann 150 Jahre alt werden. Sie kommt noch einmal im Jahr und legt die Hand an den Stamm. Das letzte Mal am Arm ihrer Enkelin.“

28. August, 20:36 Uhr

Das Zugfenster, das ich traf, war müde. Es wünschte sich ein Haus, um sesshaft zu sein. „Ach, eine Straße wäre schön, immer nur Strecken, Strecken, Strecken. Bin kein Tramp, bin es leid, unterwegs zu sein, ausgeschlossen vom Leben!" - „Aber die Reisenden“, wende ich ein, „kein Leben?“ - „Reisende kleben an Landschaften, können sich Fenster nicht merken!“ - „O!“

31. August, 20:55 Uhr

Fenstervermutungen. Über mir ziehen die Vögel. Über den Vögeln ziehen die Wolken. Über den Wolken ziehen die Flugzeuge. Über den Flugzeugen ziehen Satelliten. Über den Satelliten das Licht. Über dem Licht strahlt die Dunkelheit. Ob es dahinter dann hell oder dunkel wird, ist umstritten. Ich kehre zurück. Über die Straße fliegt mein Blick. Dämmerung in den Gesichtern. Jeder weiß, dass es Zeit wird, unterzugehen.

Torsten Körner lebt als Schriftsteller in Berlin. Im Oktober erscheint sein Buch „Probeliegen. Geschichten vom Tod“ (Scherz Verlag, 411 S., 18, 95 Euro).

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