Aus dem Garten : Die Wiederentdeckung eines Liebermann-Gemäldes

In den letzten Jahren sind immer wieder Nachlässe auf den Markt gekommen, unter denen sich manche Trouvaille befand. Das Auktionshaus Jürgen Römmeler im westfälischen Rheine mit einer kleinen Sensation auf.

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Lichtspiele. Liebermanns „Garten der Villa am Wannsee“, um 1925. Foto: Auktionshaus Rheine
Lichtspiele. Liebermanns „Garten der Villa am Wannsee“, um 1925. Foto: Auktionshaus Rheine

Bislang ist das Liebermann-Gemälde aus dem Jahr 1924 noch nicht im Werkverzeichnis aufgeführt. Mit der nächsten Drucklegung wird es darin zu finden sein. Es stammt aus dem Nachlass eines Osnabrücker Fabrikantenhaushaltes, wie es im Auktionskatalog heißt, „in dem freundschaftliche Beziehungen zum Osnabrücker Maler Felix Nussbaum und Kontakte zu Liebermann gepflegt wurden“.

Das eher kleine Gemälde mit den Maßen 22,5 mal 30,5 Zentimeter gehört zur Serie der Gartenbilder, die Max Liebermann (1847 bis 1935) in den Zwanzigern malte, nachdem er sein „Schloss am See“ – so Liebermanns Bezeichnung für die von Paul Baumgarten 1910 im klassizistischen Stil erbaute Sommerresidenz – bezogen hatte. Heute befindet sie sich im Besitz der Liebermann-Gesellschaft, die regelmäßig Ausstellungen präsentiert und den berühmten Garten des Malers in den letzten Jahren akribisch rekonstruiert hat. Liebermann hatte ihn sich von seinem Freund, dem Hamburger Museumsmann Alfred Lichtwarck, entwerfen lassen.

Das abgebildete Motiv auf dem Osnabrücker Bild lässt sich also heute durchaus wiederfinden. Es zeigt einen bewachsenen Torbogen, der sich über dem Zugang zum „Lindenkarree“ wölbt, dem lauschigsten der insgesamt drei Gartenteile. Der zur Straße hin gelegene Vorgarten wurde für den Anbau von Gemüse, Obst und Blumen genutzt. Den zum Wannsee hin abfallende Teil des Gartens prägen Blumenrabatten direkt am Haus, der sich zum Wasser hin erstreckende Rasen mit den Birken und die drei aneinandergereihten Heckengärten. Der prominente Maler schützte sich auf diese Weise auch vom Wasser vor neugierigen Blicken.

In dieser Abgeschiedenheit malte Liebermann seine berühmten Gartenbilder, mit denen er zugleich die Mal- und Gartenbaukunst, die Freude an den Farben und Pflanzen zelebrierte. Von nahezu demselben Standort wie das nun aufgetauchte Bild malte der Künstler ein mit 71 mal 94 Zentimetern weitaus größeres Gemälde, das den Titel „Die Heckengärten in Wannsee nach Osten“ trägt und heute in der Galerie Neue Meister in Dresden hängt. Ein weiteres Werk der „Heckengärten“-Serie, zuletzt 1930 auf einer Auktion angeboten, gilt als verschollen.

Das kleine, auf Holz gemalte Gemälde, das am heutigen Mittwoch in Rheine zur Versteigerung aufgerufen wird, ist ein typisches Beispiel für das Spätwerk des bedeutendsten deutschen Impressionisten. Das satte Grün des Laubs verbreitet eine sommerliche Atmosphäre. Die dazwischen gesetzten Gelbtöne auf dem im Vordergrund stehenden Baum suggerieren Sonnenreflexe. Auch die summarische Malweise vermittelt die Gelassenheit eines Sommertags. Wie zufällig scheint der Künstler seine Perspektive gewählt zu haben. Und doch korrespondieren auf’s Schönste die sich kreuzenden Äste des Baums mit der geraden Linie des Parkweges, der durch den bewachsenen Torbogen führt.

Mit knapp 30 000 Euro scheint das Werk moderat angesetzt; zuletzt wurde 1995 ein ähnlich großes Format der Gartenserie für 51 000 DM bei Sotheby’s in London versteigert. Ein Einstieg also für Liebermann-Fans, dessen Werke ansonsten mit 100 000 bis 150 000 Euro versteigert werden. Wem dies noch immer zu teuer erscheint, der kann sich an die nächste Losnummer halten: ein radiertes Selbstbildnis des Malers, mit 350 Euro taxiert – ebenfalls aus dem Nachlass des Osnabrücker Fabrikantenhaushaltes.

Mitarbeit: Isolde Maria Weineck

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