Kultur : Aus dem Keller der Künste

„Thema verfehlt“: der Berliner Maler Bernhard Martin in Wolfsburg

Christiane Meixner
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Finsterer Geselle mit Humor. Bernhard Martins „Earl Grey“. Foto: VG Bildkunst 2009

Wo sich Tod und Teufel die Hände reichen, tut der Mann im Weinkeller das einzig Richtige: Er nimmt sich zwischen endlosen Reihen dunkler Holzfässer und gläserner Flaschen das Leben, bevor es ein anderer für ihn erledigt. So viel Selbstbestimmung muss sein im ominösen Bilderkosmos von Bernhard Martin, dessen Figuren sonst wie Somnambule durch kitschige Landschaften und kaputte Städte streichen. Halt finden sie nirgends, selbst das Blut des „Richtigmachers“ von 2006 spritzt wie vergossener Rotwein durch die Luft. Wobei der Körpersaft zusammen mit der Hand, die den Revolver zum Selbstmord hält, das einzig deutlich Konturierte an jener Gestalt ist. Der Rest bleibt schemenhaft und lässt offen, ob man sich nicht doch einem Kellergeist gegenübersieht, den ein düsteres Schicksal zum ewigen Showdown zwingt.

Mystisch, rätselhaft und trotz aller figurativen Details seltsam surreal wirken Martins Bilder und Skulpturen in der Städtischen Galerie Wolfsburg. Er hat dort den mit 10 200 Euro dotierten Kunstpreis „Junge Stadt sieht Junge Kunst“ erhalten. Dazu gehört auch die Ausstellung mit dem Titel „Thema verfehlt“ – was weniger darauf anspielt, dass der 42-Jährige eigentlich kein junger Maler mehr ist.

Stattdessen blickt der in Berlin lebende Künstler auf die eigene Vergangenheit und seine Strategien der Verweigerung zurück. Besonders, was die Erwartungen seiner Deutschlehrer betraf: „Die Beschreibung eines Textes hat mich nicht interessiert“, erzählt Martin im Gespräch. „Ich habe nach Doppeldeutigkeit und Vielschichtigkeit eines Themas gesucht, gab es keine, habe ich mir meine eigene erfunden.“ Mit absehbaren Folgen für den interpretatorischen Übereifer. „Ich wurde also abgestraft, und unter der meist schlechten Benotung fand ich dann den Vermerk ‚Thema verfehlt‘“.

Dass er sich sein Faible für das Abseitige nicht hat austreiben lassen, macht sich für den Künstler schon länger und ganz real bezahlt. Seine Gemälde, die über Monate wachsen und in Montagen aus zuckersüßen Landschaften und düsteren Verbrechen, Sex und Versuchung, erinnerten Märchen und Fragmenten der medialen Gegenwart münden, sind begehrt. Die Nachfrage bei Sammlern und Institutionen mag darin gründen, dass auch andere die Risse im Alltag spüren und es zu schätzen wissen, wenn einer sie in konkrete Bilder übersetzt. Doch darüber hinaus beeindruckt die Virtuosität eines Malers, der mit 16 Jahren ein Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Kassel begann – nachdem er sich zuvor schon durch die Stile und Epochen der Kunstgeschichte kopiert hatte.

Diese Fertigkeiten zeichnen Martin heute aus. Formale Fragen sind die geringsten Probleme. Je nach den Bedürfnissen der jeweiligen Motive wirken manche fast altmeisterlich, während andere schrundige Farbaufträge oder hyperglattes Airbrush zeigen. Bunt und süß wie ein Bonbon erscheint die Landschaft auf dem Gemälde „Schlechte Laune am Comer See“ (2005). Die beständige Sehnsucht nach dem mediterranen Leben wirkt hier dekorativ eingefroren, würde da nicht eine schwebende Fratze der ungetrübten Schönheit ein Ende machen.

Martin sampelt nicht bloß, er verbindet die Bildelemente auf verblüffende Weise miteinander. Rolltreppen, Gespenster, dazu eine Nackte wie aus einem Zeitgeistmagazin, die ihren Blondschopf à la Loreley in den Wind hält und mit Äpfeln lockt. Alles schon mal dagewesen, nur nicht in diesen Zusammenhängen, die wie gemalte Bestandsaufnahmen einer chaotisch disparaten Gegenwart wirken. „Die Frage lautet“, meint Martin, „wie bekomme ich das alles zusammen? Und wie kann ich Alternativen oder einen abwegigen und dennoch funktionierenden Lebensentwirf für mich und Gleichgesinnte aufzeigen?“

Für sich selbst hat der Künstler eine Antwort gefunden: Während er noch in seinem Atelier in Prenzlauer Berg werkelt, baut er zugleich ein altes Haus im brandenburgischen Umland um, in das er sich bald mit seinen Ideen, Gedanken und Entwürfen zum Arbeiten zurückziehen wird. Seine Figuren aber bleiben unruhig und auf der Suche. Zwar müssen sie, wie Martin postuliert, „keine Rechnungen bezahlen, nicht tanken oder telefonieren“. Ihr Job ist dafür weitaus schwieriger: Sie sind aus der Zeit und dem Alltag gefallen und müssen trotzdem entscheiden, was das Richtige ist.

Städtische Galerie Wolfsburg, bis 22. März; Katalog (DuMont Verlag) 58 Euro.

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