Kultur : Aus dem Leben eines Taugenichts

Mike Skinner nennt sich The Streets. Das ist eigenartig. Aber noch komischer sind die Geschichten, die der britische Musiker erzählt

Heiko Zwirner

Alles hätte so einfach sein sollen: Die DVD zurück bringen, bevor eine Nachzahlung fällig wird, Extra-Geld am Automaten abheben, Mama anrufen und die Verabredung zum Tee absagen, die zusammengesparten tausend Pfund einstecken, die neben dem Fernseher liegen, und ab durch die Mitte. Doch als Mike in der Videothek ankommt, ist die Hülle leer, die DVD liegt noch zuhause, der Geldautomat sagt „Auszahlung zurzeit nicht möglich“, der Akku des Handys gibt den Geist auf, und dann ist auch noch das Geldbündel verschwunden. Mama sitzt und weint, und Mike ist um tausend Pfund ärmer. Vielleicht hätte er den Tag einfach im Bett verbringen sollen. Es wäre ja nicht das erste Mal gewesen.

Alles hätte so einfach sein sollen: Davon erzählt der erste Song auf „A Grand Don’t Come for Free“, dem zweiten Album von Mike Skinner alias The Streets. „It Was Supposed to Be so Easy“ ist eine von elf Episoden aus dem Alltag eines britischen Vorstadt-Losers (Locked On/Warner). Der stellt meist Sachen an, die man eigentlich lieber bleiben lassen sollte. Zum Beispiel trinkt er schon um die Mittagszeit Cognac, nicht nur einen. Er hängt vor dem Fernseher und raucht einen Spliff nach dem anderem. Sein Geld verzockt er bei Fußballwetten, weil er keine Ahnung von Fußball hat. Er trifft im Pub ein Mädchen, dreht nervös den Aschenbecher im Kreis, kratzt das Etikett von seiner Bierflasche und fragt sich, ob die Art, wie sie mit ihren Haaren spielt, ein Indiz dafür ist, dass sie an ihm interessiert ist. Und er hat eine auffällige Ähnlichkeit mit Mike Skinner.

„Meine Texte sind fiktional, aber sie handeln von den Dingen, die mich umgeben, denn das sind Dinge, die ich kenne und über die ich sprechen kann“, sagt Skinner und spielt mit seinem Armband aus Stacheldraht. Mit seiner Trainingshose, seinem Schlabber-Shirt, seinen teuren Turnschuhen und der Schirmmütze, die er in den Nacken geschoben hat, folgt er dem Dresscode einer Sorte Engländer, der man lieber aus dem Weg geht, wen man sie alkoholisiert oder in Gruppen antrifft. Doch Skinner hat sich nicht nur den Kleidungsstil suburbaner Hooligans angeeignet, er hat ihren idiosynkratischen Slang zur Kunstform erhoben. Er singt nicht, er spricht mit nagendem Midlands-Akzent. „A Grand Don’t Come For Free“ hat deshalb beinahe Hörspielcharakter – wenn da nicht diese seltsam sperrige und zugleich hochexplosive Musik wäre, die fiesen Bässe und die synkopierten Beats, die seine Geschichten akzentuieren. Mit einer narrativen Dichte, einer Eloquenz und einer Unverblümtheit, die an den „Trainspotting“-Autor Irvine Welsh erinnert, zelebriert er den Alltag der unteren Mittelschicht in Tony Blairs England. Seine atemlose Mischung aus Standup-Comedy und Sozialdrama lässt diesen Alltag zwischen Pub-Tresen und Videothek, zwischen Spielkonsole und Fast-Food-Filiale, zwischen Tanzfläche und Bushaltestelle jedoch nicht perspektivlos und grau erscheinen., sondern wie das große Abenteuer einer Generation zwischen Antriebsschwäche und Lebenshunger.

Der Song „Blinded By The Light“ zum Beispiel ist der rastlose innere Monolog eines Clubgängers, der sich über die Schlangen an der Bar und vor der Toilette ärgert, verzweifelt Textnachrichten verschickt und auf der Suche nach seinen Freunden durchs Stroboskop-Licht irrt. Dann setzt die Wirkung der beiden Pillen ein, die er eingeworfen hat. Verzückt versinkt er im Sound der Musik. „Wenn wir ehrlich sind, hängt eine gute Party nicht von der Musik oder vom Ort ab“, erklärt Skinner, „sondern von den Drogen, die wir nehmen. Wenn man die richtigen Drogen nimmt, ist man automatisch am richtigen Ort. Extasy funktioniert überall.“

Mike Skinner ist in West Heath aufgewachsen, einem gesichtslosen Vorort von Birmingham, und später in den Londoner Stadtteil Brixton gezogen. An seinem Heimcomputer nahm er Songs auf, die vom UK-Garage- Sound inspiriert waren, einem schmutzigen und aggressiven Verwandten des amerikanischen HipHop. Sein vor zwei Jahren erschienenes Debüt-Album „Original Pirate Material“ widmete er den Mädchen, die ihn sitzen ließen, und den Jungs, die ihn auf dem Weg vom Bus zur Haustür verprügelten. In England wurde es als Pop-Sensation des Jahres gefeiert, und der „New Musical Express“ nannte Skinner die britische Antwort auf Eminem. „Ich arbeite mehr und hab ein bisschen mehr Geld als früher, aber sonst hat sich nicht viel verändert“, sagt er. Von den Tantiemen des ersten Albums hat er sich neues Equipment zugelegt. Danach wollte er eigentlich quer durch Europa reisen: Paris, Brüssel, Amsterdam, Berlin, Kopenhagen. Doch irgendwie ist er im Drogenparadies Amsterdam hängen geblieben.

Am Ende von „A Grand Don’t Come For Free“ tauchen die tausend Pfund übrigens wieder auf. Durch einen Spalt war das Geld hinter den Fernsehschirm gerutscht.

The Streets, heute im Columbiafritz, 20 Uhr (ausverkauft). „A Grand Don’t Come for Free“ erscheint am 10. Mai.

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